Adresse
Museum Jüdischer Betsaal Horb
Fürstabt-Gerbert-Str. 2
72160 Horb am Neckar
Route finden
Öffnungszeiten
SA und SO von 14–17 Uhr
(nur bei laufenden Ausstellungen)
Eintritt
Eintritt frei
Führungen/Besichtigungen
Besichtigung/Führung nach Anmeldung möglich:
Tel.: 07451 620689 oder per E-Mail

Geschichts-, Lern- und Gedenkort

Das Haus am Dr.-Abraham-Schweizer-Platz in Horb ist seit Dezember 2012 als Geschichts-, Lern- und Gedenkort geöffnet. Hier versammelte sich bis zum 10. November 1938 die jüdische Gemeinde zum Gebet. Im Haus gegenüber wohnte Rabbiner Dr. Abraham Schweizer, der das flächenmäßig größte Rabbinat in Württemberg betreute. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen wird über das ehemalige Rabbinat und die Horber jüdische Gemeinde informiert. Der jüdische Betsaal soll als Ort der Toleranz und des interreligiösen und interkulturellen Dialogs wirken.

"Synagoge" Horb

Wenn ältere Horber Einwohner von der „Synagoge“ sprechen, meinen sie den ehemaligen Betsaal der Horber jüdischen Gemeinde. Er hatte seinen Platz seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis zu seiner Zerstörung im November 1938 in einem Wohnhaus vor dem Ihlinger Tor an der alten Straße nach Ihlingen. Heute ist das Haus renoviert und der Betsaal im ersten Stock zu einer Gedenkstätte und einem kleinen Museum geworden. Eigentümerin ist die Förderstiftung Jüdischer Betsaal Horb unter dem Dach des Träger- und Fördervereins Ehemalige Synagoge Rexingen. Wie früher wird das Haus in den oberen Stockwerken als Wohnhaus genutzt.

Baujahr unbekannt

Plan des Gebäudes zum Umbau 1939
Plan des Gebäudes zum Umbau 1939.

Das Baujahr des Hauses mit der markanten Fassade in der Fürstabt-Gerbert-Straße 2 ist nicht bekannt. Es wurde ursprünglich wohl einmal als Scheuer erbaut und erlebte viele Umbauten und verschiedene Nutzungen. Es war Fuhrmannshaus, Gastwirtschaft, Betsaal der jüdischen Gemeinde, und seit dem Umbau 1939 wurde es als reines Wohnhaus genutzt.
Während der Nutzung als Betsaal dienten die beiden großen Räume im Hochparterre als Männerabteilung und Frauenabteilung, die mit einem Durchgang verbunden waren.

Erste Erwähnung in den Brandversicherungsakten 1829
Erste Erwähnung in den Brandversicherungsakten 1829.

Das älteste bis jetzt gefundene Dokument ist eine Brandversicherungsakte. Der erste Eintrag ist von 1829. Das Gebäude wird bezeichnet als „zweistöckiges Wohnhaus mit Scheuer ohne Stockmauer.“ Weitere Einträge belegen wechselnde Besitzer und Nutzungen.
1849 wurde es durch einen Brand verwüstet und sofort wieder aufgebaut.

Vielfältige Nutzung

1865 baute Christian Blocher im ersten Stock eine Wohnung ein. 1866 übernahm der „Frachtfuhrmann“ Josef Blocher das Haus. Im Parterre war der Pferdestall mit vier Boxen, dahinter ein Kuhstall. Die rechte Haushälfte war die Tenne, die bis in den 2. Stock hinaufreichte. Auf der linken Seite befanden sich über dem Stall im 1. Stock zwei Kammern, im 2. Stock eine Wohnung mit Küche, Kammer und zwei Stuben. Weitere Umbauten folgten, die Tenne wurde in Wohnraum umgewandelt.

Betsaal durch Ihlinger Tor aufgenommen, ca. 1934
Betsaal durch Ihlinger Tor aufgenommen, ca. 1934.

Das Haus hatte zwei Eingänge, einen durch den Stall und einen über eine Außentreppe direkt in den 1. Stock, in dem sich zeitweise auch das Gasthaus zum Löwen befand. 1890 war es im Besitz des Rexinger Viehhändlers Simon Schwarz, der die beiden Gaststuben an die jüdische Gemeinde als Betsaal vermietete. Es wurde in der Familie weitervererbt, bis es 1930 Rudolf Schwarz an die christliche Familie Diesch verkaufte. Der Mietvertrag mit der jüdischen Gemeinde blieb bestehen. Rudolf Schwarz emigrierte 1934 mit seiner Frau nach Holland. Die Inneneinrichtung des Betsaals war schlicht. An der Ostwand der Männerabteilung stand der Toraschrein, davor das Betpult. Die Männer und Frauen saßen auf einfachen Stühlen, die Kinder auf Bänken entlang der Wand. Unten im Stall stand das Vieh von Rudolf Schwarz.

Erinnerungen von Fritz Frank

Eine anschauliche Beschreibung der Räume und der Gottesdienste findet sich in den Kindheitserinnerungen von Fritz Frank, der 1886 in Horb geboren wurde.

„Aus etwa 30 Familien bestehend, besaß diese kleine jüdische Gemeinde nichts, was sich gleichwertig an Größe und Schönheit einer Kirche gegenüberstellen ließe. Ihre Synagoge, das sind zwei ineinander gehende Stuben über dem Stall des Viehhändlers Schwarz. Das Gemuhe mischt sich in den Gottesdienst, ohne dass dies von den Betern, die mit dem Vieh sozusagen groß geworden waren, als Störung empfunden oder überhaupt wahrgenommen wird.
Der Männersaal hat zur Einrichtung den Schrank mit den Torarollen an der Ostwand, den Betpult mit seiner samtenen Decke und zehn Stuhlreihen. Rechts und links vom Betpult sind je eine schmale Bank für die Kinder, die auf diese Weise unter dem Auge gehalten werden und nicht stören.
Der Frauensaal daneben mit seinem türbreiten Durchbruch gibt den Blick frei auf Betpult, Vorbeter und Toraschrank. Einfache Stuhlreihen sind auch hier die ganze Ausstattung Die Nüchternheit und Ärmlichkeit beeinträchtigen nicht den Ernst des Gottesdienstes. So wenig wie die Geräusche aus dem Stall, so wenig lenkt das Leben auf der Gasse, das in den Betsaal hereindringt, ab, besteht es doch höchstens aus Kinder- oder Weibergeschrei, Bauernfuhren oder dem Doktorswagen. Stimmen und Geräusche, von denen jeder der Beter, wenn er ihnen Achtung schenkte, wüsste, wem sie zugehören.
Jedes Mitglied der Gemeinde hat seinen bestimmten Platz. Hindert Krankheit oder Reise den Besuch, so bleibt der Platz unbesetzt und nimmt als solcher gewissermaßen Anteil am Gottesdienst. Die ältere Generation versteht wohl noch das Hebräisch der Gebete, doch werden sie nur zum Teil mit Bewusstsein ihres Inhalts gesprochen. Man begnügt sich über weite Strecken mit der Form, dem stummen Lippensprechen, dem Stehen, dem Verbeugen, dem Singen, dem „Nigun“, gemeinsam mit dem Vorbeter oder im Wechselgesang mit ihm.
Dass man selber jedes Wort versteht, ist nicht so wichtig. Gott, der die Bibel in seiner Sprache gegeben hat, ER versteht es. Nicht der Mensch, sondern das Wort, die Melodie, sprechen zu Gott, und der Tallit, der Gebetsmantel, mit Segensspruch umgelegt, erhebt die Körperlichkeit des Alltags zum priesterlichen Gefäß.
Es ist nicht der kleine Lippman Stern vorne am Betpult, der die Woche über auf seiner Ladentheke sitzt, hemdsärmelig, mit untergeschlagenen Beinen schneidert, einen Kunden hereinruft, Kinder schreckt oder lockt. Nein, was jetzt da vorne steht, von Kopf bis Fuß eingehüllt in das weiße Tuch mit den breiten schwarzen Streifen und den Fransen an den Ecken, ist wirklich ein Glied jenes Volkes von Priestern, das nach Gottes Plan das jüdische Volk darstellt.
Wenn er dann zur Tora aufruft und die Aufgerufenen die Tora ausheben, mit ihr um den Betpult schreiten, wenn die Umstehenden mit den Fingerspitzen die Tora berühren und die Fingerspitzen an die Lippen zum Kusse führen – auch die Kinder, die keines der Worte verstehen, ahmen diese Bewegung der Verehrung nach - wenn die Gemeinde singt:
adonai adonai el rachum we anun – unser Gott unser Gott, barmherzig und gnädig,
und wenn sie im Gesang die Tora wieder zurückbringen:
Ein Born des Lebens ist sie, und wer an ihr hält, und wer sie erfasst, ist glücklich. Ihre Wege sind Wege der Anmut, all ihre Bahn ist Friede,
so singt jeder freudig und so gut und so schön er kann, im Wunsch und in der Überzeugung, dass sein Gesang Gott wohl gefallen möge.“

Zerstörung Beetsaal

Am Morgen des 10. November 1938 kamen SA-Männer und Schüler der Horber Oberrealschule, angeführt von ihrem Lehrer und Hitlerjugendführer Franz Gronmayer, und drangen in den Betsaal ein. Sie warfen die Torarollen, die Gebetbücher, die Leuchter und das Mobiliar auf die Straße, zertrampelten es und zündeten es an.

Umbau & heutige Nutzung

Nach der Zerstörung des Betsaals ließen die Besitzer in die beiden Räume zwei Wohnungen einbauen, die sie vermieteten. Die Außentreppe wurde abgerissen und der obere Eingang zugemauert.

Umbauplan nach der Zerstörung 1938
Umbauplan nach der Zerstörung 1938.

Nach dem Tod der letzten Eigentümerin stand das denkmalgeschützte Gebäude zum Verkauf und wurde schließlich von einer Eigentümergemeinschaft erworben, die es renovieren und umbauen ließ. Einer der Eigentümer ist die Förderstiftung Jüdischer Betsaal Horb, die die beiden unteren Stockwerke seit Ende 2012 als Ausstellungsräume nutzt.

Ausstellung zur Ausraubung und Deportation der jüdischen Familien
Ausstellung zur Ausraubung und Deportation der jüdischen Familien.

Erhaltung des Gebäudes

Als das leer stehende, denkmalgeschützte Haus 2004 zum Verkauf stand, entschlossen sich Mitglieder des Träger- und Fördervereins Ehemalige Synagoge Rexingen, es zu erwerben, um es als Gedenkstätte und Museum für die Geschichte des Rabbinats zu sichern. Zu groß war die Gefahr eines Abrisses des verwahrlosten Gebäudes oder einer Nutzung, die der historischen Bedeutung nicht gerecht geworden wäre.

Der Jüdische Betsaal als Wohnhaus 1964
Der Jüdische Betsaal als Wohnhaus 1964

2006 wurde eine Stiftung gegründet. Ihr Ziel war, Geld zu sammeln, um die unteren beiden Stockwerke des Gebäudes zu kaufen und renovieren zu lassen, auch mit Hilfe von Sanierungszuschüssen von Stadt und Land. Das Haus wurde aufgeteilt.
In die oberen drei Stockwerke wurden neuwertige, moderne Wohnungen eingebaut, die von Freunden der Stiftung gekauft wurden.

Das Gebäude während der Renovierung
Das Gebäude während der Renovierung

In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt hat die Stiftung ein zurückhaltendes Renovierungskonzept realisiert, in dem nur erneuert wurde, was unbedingt nötig war. So sind die originalen, abgetretenen Dielenfußböden erhalten, alte Wände mit Rissen und Farbspuren und ein originales Fenster. Zerstörungen im Stuck erinnern an den Einbau von Wänden, als die damaligen Hausbesitzer nach der Schändung des Betsaals die beiden Räume 1939 in zwei Wohnungen umgebaut haben.

Das Museum Jüdischer Betsaal Horb ist eröffnet
Das Museum Jüdischer Betsaal Horb ist eröffnet

Nutzung als Museum und Dokumentationsort

Mit dem Erwerb der Räumlichkeiten des ehemaligen Betsaals und den früheren Stall- und Kellerräumen im Untergeschoss ist jetzt die Möglichkeit gegeben, die Geschichte des schwäbischen Landjudentums in der Region zu dokumentieren.
Zum Stadtgebiet von Horb gehören sechs jüdische Friedhöfe: Horb, Mühlen, Mühringen, Nordstetten, Dettensee und Rexingen. In allen diesen Orten gab es jüdische Gemeinden, jede Gemeinde hatte ihre Synagoge. Der Rabbinatsbezirk war im 19. Jahrhundert der größte in Württemberg und erstreckte sich von Tübingen bis Rottweil. Der Sitz der Rabbiner war von 1728 bis 1911 in Mühringen und wurde 1913 nach Horb verlegt. Die Mühringer Gemeinde war stark geschrumpft. Die erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene Horber Gemeinde vergrößerte sich dagegen rasch.

Zurzeit werden die Räume für wechselnde Ausstellungen genutzt. Die erste Eröffnung fand im Dezember 2012 statt: „Die Nachbarn werden weggebracht.“ Deportation und Ausraubung der jüdischen Familien in Rexingen, Horb, Nordstetten und Mühringen.
Im April 2013 wurde die Ausstellung: „Ort der Zuflucht und Verheißung: Shavei Zion“ eröffnet.

Die Ausstellung über Shavei-Zion 2013 im Betsaal
Die Ausstellung über Shavei-Zion 2013 im Betsaal

Ein besonderer Ort des Gedenkens befindet sich vor dem Gebäude Fürstabt-Gerbert-Straße 2. Der Platz vor dem ehemaligen Betsaal wurde 2011 nach dem letzten Horber Rabbiner Dr. Abraham Schweizer benannt, der 1942 in Treblinka ermordet wurde.

Am Abraham-Schweizer-Platz
Am Abraham-Schweizer-Platz