Gruß aus Israel von Familie Lemberger
16 Mitglieder der Familie Lemberger aus Israel besuchten den Ort ihrer Vorfahren
Rexingen. Am 4. September besuchten 16 Mitglieder der Familie Lemberger aus Israel den Ort ihrer Vorfahren: Rexingen. Schon im Dezember letzten Jahres begann die Familie mit der Planung der Reise und schrieb an den Rexinger Synagogenverein: „Wir freuen uns schon jetzt riesig auf das nächste Mal, mit einer neuen Schar von Enkelkindern, die bisher noch nicht mit uns diesen so wichtigen Besuch abstatten konnten, zu kommen.“
Die Schwestern Yael und Dorit sind in Shavei Zion geboren, jenem Ort, der im April 1938 von jüdischen Auswanderern aus Rexingen gegründet wurde – noch bevor die Nazis mit den Novemberpogromen die nächste Stufe der Verfolgung einleitete. Ihre Eltern Josef und Gretel Lemberger gehörten auch zu diesen ersten Siedlern, die Shavei Zion aufbauten. Die beiden Schwestern wuchsen mit den Erzählungen über die alte Heimat auf und möchten diese Erinnerungen nun an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben. Dies folgt der jüdischen Tradition, nach der ein Verstorbener nicht in Vergessenheit gerät, solange an ihn erinnert wird, sein Name ausgesprochen und mit guten Worten und Taten verknüpft wird.
2013 reiste die Familie erstmals mit 16 Angehörigen nach Deutschland, 2022 wieder, inzwischen mit Enkelkindern. Zu jeder Reise gab es ein eigens gestaltetes T-Shirt, das die Zusammengehörigkeit ausdrückt. Das 2013-Shirt zeigte ein Foto der Eltern Josef und Gretel, 2022 zierte ein Familienbild mit den 2 Töchtern und dem Sohn Meir die Rückseite des Shirts. 2025 war es erneut soweit: Auf den blauen Shirts steht in hebräischer Schrift „Lemberger - Schwartz 2025“; die Rückseite zeigt einen Lebensbaum mit dem Spruch „Ein Mensch ist wie ein Baum, der im Wasser gepflanzt ist, seine Wurzeln suchend.“
Zusammen mit Barbara Staudacher und Heinz Högerle hat die Vorsitzende des Rexinger Synagogenvereins Andrea Dettling die Betreuung der Familie bei Ihrem Besuch übernommen. Nach dem Besuch des jüdischen Friedhofs, auf dem die Gräber der Urgroßeltern und deren Vorfahren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu finden sind, besichtigte die Familie in der ehemaligen Synagoge die Ausstellung zur Gruppenauswanderung nach Shavei Zion.
Die ausgelegten Familienstammbäume der Familie Lemberger und Schwarz fanden großes Interesse, besonders da auch sämtliche lebenden Familienmitglieder, auch die anwesenden Kinder, sich darauf wiederfanden. Im Gespräch stellte sich heraus, dass einige Familienmitglieder in der Nähe von Gaza lebten und auch in Kibbuz den Terror der Hamas zu spüren bekommen hatte. Dass die Familie trotz der unsicheren politischen Lage sich auf den Weg nach Deutschland gemacht hat, zeigt auch wie wichtig ihnen diese Reise ist. Die Kinder waren dazu von der Schule befreit worden, um mit den Großeltern die Reise antreten zu können.
Von der Ehemaligen Synagoge aus wollte die Gruppe in ihren blauen Familien-T-Shirts den Rundgang durch Rexingen beginnen. Da stellte Dorit Lemberger die unerwartete Frage: „Können wir mit so einem T-Shirt in Rexingen durch die Straßen laufen?“ Damit war die Sorge ausgesprochen, die angesichts des wachsenden Antisemitismus und der judenbezogenen Israelfeindlichkeit in Deutschland viele bewegt: sich öffentlich zum Judentum zu bekennen oder mit einem hebräischen Schriftzug auf dem T-Shirt als Israeli erkennbar zu sein, ist nicht mehr überall gefahrlos möglich. Dettling konnte die Bedenken zerstreuen, und so setzte die Gruppe ihren Rundgang fort, der sie als Nächstes zum Schulhaus führte.
Die Kinder vertrieben sich die Wartezeit, indem sie die Tempomessgeräte vor der Schule austesteten – auch rennende Kinder und Väter lösten sie aus. Der Rekord lag bei 23 km/h. Schön war es zu sehen, wie jüdische Kinder unbeschwert die Straße hinunterrannten – erstmals seit über 80 Jahren.
Als der Hausmeister Peter Gfrörer das Schulhaus aufschloss, konnte die Familie aufgrund der Ferienzeit sogar die Schulräume besichtigen, in denen der Urgroßvater Josef Lemberger in den 20er Jahren gelernt hatte. Alle setzten sich an die kleinen Schulbänke und der vierzehnjährige Rottem Rein machte sich sogleich daran, einen Gruß auf Hebräisch an die deutschen Schüler an die Tafel zu schreiben. Barbara Staudacher schrieb die deutsche Übersetzung daneben: „Gruß aus Israel von Familie Lemberger. Der Urgroßvater Josef Lemberger hat in diesem Zimmer gelernt.“
Yael zeigte beim weiteren Gang durch das Mitteldorf ein Fotobuch, das ihre Enkelin Yaara Rein für sie erstellt hatte. Darin hatte sie die Familiengeschichte niedergeschrieben. So ein Projekt muss jeder Schüler für ein Familienmitglied machen und die Lebensgeschichte eines Verwandten mit Fotos und Stammbaum zusammenstellen. Auf diese Weise lernen schon die Kinder sich aktiv mit der Familiengeschichte zu befassen, die auch die dunklen Kapitel des Nazi-Terrors nicht auslässt. Ein Exemplar dieser Familiengeschichte übergab Yael an den Synagogenverein, der es in Ehren halten wird.
Am Nachmittag konnte die Familie Lemberger das Haus in der Bergstraße besuchen, in dem Josef und Gretel Lemberger gewohnt hatten. Heute befinden sich darin die Praxisräume der Hausarztpraxis Flaig. Frau Sachiko Flaig ließ es sich nicht nehmen die Familie herzlich zu begrüßen und einzuladen, um ihnen die zur Praxis ausgebauten Räume der ehemaligen Scheune zu zeigen. Im Wartezimmer und Flur der Praxis sind Bilder der aufwendigen Umbaumaßnahmen und auch der Familie der früheren jüdischen Besitzer aufgehängt. Wartende Patienten können sich so über die Geschichte des Hauses und der Familien Lemberger informieren. Anschließend fuhren alle noch zum jüdischen Friedhof in Horb, um das Grab von Julius Lemberger – dem Bruder von Josef – zu besuchen. Nach einem kurzen Zwischenstopp beim ehemaligen Jüdischen Betsaal in der Fürstabt-Gerbert-Str. 2 ging die Fahrt weiter nach Stuttgart zum Gedenkort am Nordbahnhof. Von dort waren die Deportationszüge Richtung Osten gestartet, die einige Verwandte in den Tod führten.
Diese Familienreise – vom Titisee über Emmendingen und Rexingen bis zum Gedenkort Stuttgart – wird allen Teilnehmern unvergesslich bleiben. Bei der Rückkehr nach Israel nehmen sie nicht nur viele Erinnerungen, sondern auch die Hoffnung auf Frieden mit.