Buchvorstellung Nicht ohne meine Kippa!
Mein Alltag in Deutschland zwischen Klischees und Antisemitismus. Autor Levi Israel Ufferfilge,, Tropen Verlag, Stuttgart 2021, 207 Seiten.
Wie fühlt es sich an, in Deutschland mit einer „Zielscheibe auf dem Hinterkopf“ zu leben? Levi Israel Ufferfilge gewährt in seinem Buch einen ehrlichen und schmerzhaften Einblick in seinen Alltag als Rabbiner zwischen Klischees und Antisemitismus.
Seine Berichte über Anfeindungen im Alltag sind aufrüttelnd, doch seine Botschaft ist stark: Freiheit und Identität dürfen wir uns von niemandem nehmen lassen. Ein wichtiges Buch, das wachrüttelt und uns auffordert, nicht wegzusehen
Levi Israel Ufferfilge wollte schon immer Rabbiner werden. Er wurde 1988 im westfälischen Münster geboren, studierte Jüdische Studien und Jiddistik und kam nach Stationen in Münster, Düsseldorf und München nach Berlin. Dort leitete er unter anderem die Jewish International School- Masorti Grundschule bevor er im Februar 2026 in Oldenburg in das Amt des Rabbiners eingeführt wurde. In seinem Buch „Nicht ohne meine Kippa!“ berichtet Ufferfilge in kurzen Abschnitten von seinen Erfahrungen als sichtbarer Jude mit Kippa und damit - wie er es selbst beschreibt – „… was es bedeutet, mit einer Zielscheibe auf dem Hinterkopf zu leben.“ Denn wenn er in der Öffentlichkeit unterwegs ist, im Bus, im Zug, in der Straßenbahn, an der Uni oder im Supermarkt und sein Gegenüber entdeckt, dass er ein Jude ist, begegnen ihm häufig Hass („Scheiß Jude!“), Ablehnung („Die Juden glauben wohl, die können sich wieder was erlauben!“) und Klischeevorstellungen über Juden.
„Sind Sie so ein jüdischer Anwalt?“ wird er einmal von einem Nachbarn, mit dem er noch nie ein Wort gewechselt hat, angesprochen. „Ja, sie sehen aus wie ein Anwalt und sind doch jüdischer Abstammung. Also sind sie Anwalt?“ Ein andermal hält man ihn aufgrund seiner Kippa für einen Israeli, der doch auch für die Nahostpolitik des israelischen Staates mitverantwortlich sein muss und damit natürlich auch für die Gewalt in Gaza. In der Straßenbahn erlebt er, wie eine muslimische Frau aus der Nachbarschaft ihre beiden kleinen Kinder von den freien Plätzen, wo Ufferfilge saß, wegzog und sie anschrie, sie sollten sich nicht zu einem Juden setzen. Keiner der anderen Fahrgäste ergriff Partei für ihn. Im Laufe der Zeit gewöhnte er sich daran, dass manche Menschen ihn meiden und ignorieren, oder ihn böse anstarren oder sich vor ihm aufbäumen. Bei anderen Erlebnissen wurde er nicht nur bedroht, sondern auch körperlich angegangen. Ermutigung erfährt er durch seine Großmutter, die ihm einmal sagte: „Die Freiheit darf man sich von niemandem nehmen lassen – auch nicht von der eigenen Angst.“
Mit seinen Schilderungen zeigt Ufferfilge, wie gefährlich es sein kann, in Deutschland sein Jüdischsein öffentlich zu bekennen. Er beschreibt den wachsenden Antisemitismus in unserer heutigen Gesellschaft - sowohl von rechts als auch von links -, der sich immer offener zeigt und damit auch die Sorge der jüdischen Bürger um ihre Zukunft in unserem Land. Seinen Schülerinnen und Schülern versucht er dabei zu helfen, einen Weg zu finden, mit dem Judenhass, der auch Ihnen begegnet, umzugehen.
Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen. Nicht nur weil es manchmal schockierend ist und die Leser fassungslos den Kopf schütteln lässt über den Antisemitismus, den es in Deutschland wieder oder immer noch gibt. Nein, es ist auch die Wut und die Scham darüber, dass so viele Menschen die Augen verschließen vor der verbalen und physischen Gewalt, die anscheinend längst wieder zum ganz normalen Alltag eines jüdischen Menschen in Deutschland gehört. Ufferfilge gelingt es zum einen mit seinen Berichten auf den Hass aufmerksam zu machen, der ihm widerfährt, zum anderen aber auch, dass es sich trotzdem lohnt, sichtbar jüdisch zu bleiben, das Gespräch zu suchen und darauf zu vertrauen, dass es besser werden kann.
Das Buch kann in der Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek ausgeliehen werden.