Buchtipp Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb

Uri R. Kaufmann, Carsten Kohlmann (Hrsg.), Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, Barbara Staudacher Verlag, Horb-Rexingen 2013, 205 Seiten.

Post tagged under
Buchvorstellung

Der Tagungsband beleuchtet die Geschichte jüdischer Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Verschiedene Autor geben Einblicke in ihren Arbeitsalltag, ihre wirtschaftliche Bedeutung und das Leben ihrer Familien. Ergänzt werden die Beiträge durch historische Fotografien, Dokumente und Zeitzeugenberichte.

Buchtipp aus unserer Isenberg-Bibliothek.

Die Geschichte des Landjudentums in Deutschland, dem Leben und Arbeiten der Juden in Dörfern und kleinen Städten, begann mit der Vertreibung aus den Reichsstädten und großen Territorien im 15. Jahrhundert. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein entwickelte sich v.a. in den kleinen Dörfern der Reichsritterschaften, in denen die Juden Aufnahme fanden, eine vielfältige Kultur und Ökonomie, die in enger räumlicher und sozialer Nachbarschaft zur nichtjüdischen Bevölkerung stand.

Die Entstehung des Landjudentums.

Lange Zeit blieb dieser Teil der jüdischen Geschichte jedoch unerforscht und wurde kaum beachtet. Erst in den 2000er Jahren begann man, sich mit dem Leben und Alltag der Juden auf dem Land zu beschäftigen.

Im vorliegenden Band haben die Herausgeber die Vorträge einer im Jahre 2006 veranstalteten Tagung versammelt, die sich mit den jüdischen Viehhändlern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb befassen.

Sieben verschiedene Aufsätze geben Aufschluss über jüdische Viehhändler in der Region.

In sechs Aufsätzen lassen die Autoren die Welt der jüdischen Viehhändler lebendig werden, berichten über die Bedeutung dieses Berufs für die Juden in der damaligen Zeit, die Bedingungen und Herausforderungen ihrer Arbeit und stellen exemplarisch einzelne Viehhändler und ihre Familien vor.

Zunächst aber weist Rabbiner Joel Berger auf die Bedeutung des Tieres im Judentum hin. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass die Tötung der Tiere zwecks Nahrung erst nach der Sintflut erlaubt wurde, aber auch grundlegendes über das Schächten, dem rituellen Schlachten von Tieren.

Nach einem Überblick von Uri R. Kaufmann über bisherige Ergebnisse und offene Fragen zum Thema, fasst Carsten Kohlmann in seinem Aufsatz über die jüdischen Pferde- und Viehhändler im Raum Horb seine Erkenntnisse zusammen. Die Stadt Horb galt mit ihren umliegenden Dörfern zu jener Zeit als Zentrum des schwäbischen Landjudentums. Ihre Blütezeit erlebte der Vieh- und auch der Pferdehandel um 1900, als die Anbindung an das Eisenbahnnetz den Exporthandel bis in die preußischen Provinzen begünstigte.

Carsten Kohlmann schreibt über die jüdischen Pferde- und Viehhändler im Raum Horb.

Helmut Gabeli beschäftigte sich mit den Viehhändlern im Raum Haigerloch. Er schreibt unter anderem auch über die Beziehungen zwischen Bauern und Viehhändlern, die wirtschaftlich eng miteinander verbunden waren.

Werner Kessl weist auf die Bedeutung Rottweils als zentralen Wirtschaftsplatz für den jüdischen Viehhandel hin. Dort fand allmonatlich ein großer Viehmarkt statt, bei dem die „Viehhändler aus dem Stamme Juda … die Seele des Ganzen“ bildeten, wie es der zeitgenössische Autor Anton vom Kocher im Jahre 1911 beschrieb.

In seinem Beitrag über die jüdischen Viehhändler an Rems und Neckar berichtet Eberhard Kögel über seine Spurensuche nach den verschwundenen Viehhändlern und deren Familien in seiner Heimatregion nach 1945. Am Beispiel zweier Familien berichtet er von den Schwierigkeiten bei seiner Suche und den Umgang in der Nachkriegszeit mit dem Verschwinden der Viehhändlerfamilien.

Martin Ulmer forschte zum Thema Agrarantisemitismus in Württemberg im 19. und 20. Jahrhundert. Er schildert den Beginn des politisch organisierten Antisemitismus in Württemberg durch die Gründung des Bundes für Landwirte 1893 (dem späteren Bauernbund), der sich im Laufe der Jahre radikalisierte und gegen Juden hetzte.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei Gespräche mit Zeitzeugen, die „erlebte Geschichte“ erzählen: mit Amos Fröhlich, der als 8-jähriger Junge mit seiner Familie in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina auswanderte und Fredy Kahn. Kahns Vater, der Viehhändler Harry Kahn, gehörte zu den wenigen, die die Konzentrationslager überlebt haben und der in seinen Heimatort Baisingen zurückgekehrt ist.

Das Buch bietet einen grundlegenden Einblick in die Geschichte der jüdischen Viehhändler in der Region Schwarzwald und Schwäbische Alb. Zahlreiche Bilder und Dokumente veranschaulichen zudem die Berichte und lassen eine Zeit lebendig werden, die lange nicht im Fokus der Forschung stand. Damit bietet dieser Band einen Schatz an Informationen zum Thema, die man so kaum an anderer Stelle finden wird.

Das Buch kann in der Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek ausgeliehen werden.