Buchtipp "Die Kinder von Auschwitz singen so laut!"

Magdalena Guttenberger und Manuel Werner erzählen die Lebensgeschichte der Sintiza Martha Guttenberger aus Ummenwinkel zwischen Verfolgung, Überleben und Erinnerung.

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Buchvorstellung

Buchempfehlung: Magdalena Guttenberger / Manuel Werner, „Die Kinder von Auschwitz singen so laut!“. Das erschütterte Leben der Sintiza Martha Guttenberger aus Ummenwinkel, Books on Demand, Norderstedt 2020, 412 Seiten.

Dieses Buch wäre wohl nicht entstanden, wenn Magdalena Guttenberger nicht den Mut gehabt hätte, die Gespräche mit ihrer Schwiegermutter Martha Guttenberger aufzuzeichnen. Von 1972 bis Ende 1998 notierte sie auf Zetteln, Rechnungsblöcken und Papieren aller Art, was Martha bereit war, aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Aus diesen Notizen entstand in Zusammenarbeit mit Manuel Werner das vorliegende Buch, das nicht nur die Lebensgeschichte der Martha Guttenberger erzählt, sondern auch die ihrer ganzen Familie, die zur Volksgruppe der Sinti und Roma gehört.

Magdalena Guttenberger hielt über viele Jahre die Erinnerungen ihrer Schwiegermutter Martha fest.

Martha Guttenberger kommt 1921 in einem „Reisewagen“ in Önsbach bei Aachern als Tochter einer Hausiererin und eines Händlers und Seiltänzers zur Welt. Die Mutter heiratet vier Jahre später Karl Reinhardt, einen Geigenbauer, Musiker und Händler. Über ihre Kindheit berichtet Martha, dass die Familie auf „der Reis´“ war und sie regelmäßig die verschiedenen Schulen an den jeweiligen Aufenthaltsorten besucht hatte. Schon vor 1933 war es für die Sinti-Familien schwer, als Familienverband zusammen zu bleiben: „Die Sinti-Familien in Deutschland mussten immer fliehen“, berichtet sie. In den Jahren zwischen 1900 und 1933 wurden in Deutschland zahlreiche Verordnungen gegen sog. „Zigeuner“ erlassen, so z.B. auch ein Verbot gegen das „Reisen in Horden“ oder gegen „uneheliches Zusammensein“ bei Reisenden. Letzteres bezog sich gezielt auf die Sinti, denn wie es bei ihnen Brauch ist, gelten Paare auch ohne Trauschein als verheiratet.

Schon vor 1933 erlebte Martha Guttenberger als Sintiza Diskriminierung.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die „schlechte Zeit“. Seit Mitte der 1930er Jahre entstanden in einigen Städten kommunale Sammellager für Sinti und Roma, die umzäunt und bewacht waren, wie z.B. das Lager Marzahn in Berlin, das anlässlich der Olympiade 1936 dort eingerichtet wurde oder auch das Lager in Ummenwinkel bei Ravensburg.

Seit dieser Zeit begann auch die sog. „Rassenhygienische Forschungsstelle“ in Berlin ihre Arbeit aufzunehmen und Sinti und Roma nach rassistischen Kriterien zu „begutachten“. Mit diesen Daten legten die Mitarbeiter um Robert Ritter, dem Leiter des Instituts, später die Grundlagen für die Zwangssterilisationen, Deportationen und Ermordungen von Tausenden von Sinti und Roma.

Auch die Familie Reinhardt wurde von sog. „Rassenforschern“ untersucht und klassifiziert. 1939 wird die Familie in Dallau bei Mosbach im Odenwald festgesetzt und darf die Gemeinde nicht mehr verlassen.  

Aus der Diskriminierung von Sinti und Roma wurde im Nationalsozialismus systematische Verfolgung.

Martha Guttenberger ist 21 Jahre alt, als sie und ihre Familienangehörigen in Dallau abgeholt und in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau deportiert werden. Aus ihrer Herkunftsfamilie sind alle bis auf drei Personen „in Auschwitz geblieben“ wie sie es selbst beschreibt. Auch ihr vierjähriger Sohn Josef wurde dort im Mai 1943 ermordet.

Sie erzählt im Folgenden aus ihren Erinnerungen an die Zeit in Auschwitz, Ravensbrück und anderen Konzentrationslagern, über den Todesmarsch im April 1945 und die Befreiung durch amerikanische Truppen.

Marthas Sohn Julius junior sagt später über die Mutter: „Nach der Befreiung ist sie mit zwei meiner Tanten, Amalie und Maria, zu Fuß nach Ummenwinkel gelaufen. Die beiden Schwestern waren von Ummenwinkel aus nach Auschwitz ´transportiert´worden. Meine Mutter hatte nicht gewußt wohin, da ist sie mit den Tanten mitgegangen.

In Auschwitz verlor Martha Guttenberger den Großteil ihrer Familie, darunter auch ihren vierjährigen Sohn Josef.

In Ummenwinkel lernt Martha ihren späteren Mann Julius Guttenberger senior kennen, der auch als seelisch und körperlich Gezeichneter aus Auschwitz zurückgekehrt ist. Sie kommen in einer der alten Nazi-Baracken des ehemaligen Ravensburger Lagers unter, müssen in zwei kleinen Zimmern mit ihren Kindern ohne fließend Wasser wohnen.

Bis zur Räumung der Baracken-Siedlung in den 1980er Jahren lebten die zurückgekehrten Ravensburger Sinti-Familien dort in ärmlichsten Verhältnissen. „Wir galten als Abschaum!“ fasst Martha Guttenberger ihre Empfindungen zusammen. Eine Veränderung tritt erst ein, als sich einzelne engagierte Frauen aus der „Mehrheitsbevölkerung“ dafür einsetzen, dass sich die Lebensumstände für die Bewohner in Ummenwinkel verbessern.

Auch nach der Befreiung blieb die Ausgrenzung bestehen: In Ummenwinkel lebten Sinti-Familien noch jahrzehntelang unter sehr schlechten Bedingungen.

Martha Guttenberger starb 2009 und konnte die Veröffentlichung dieses Buches nicht mehr erleben. Bis heute erfahren Sinti und Roma Anfeindungen, Diskriminierungen und rassistische Beleidigungen. Viele Jahre lang verweigerte man den Sintis die Anerkennung als Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft und die Wiedergutmachung für das Leiden, das sie in jener Zeit erfahren haben. Die Aufarbeitung ihrer Geschichte kam erst viele Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Fahrt, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma als Völkermord anerkannt hatte. Es ist das Verdienst dieses außergewöhnlichen Buches, die Erinnerung an das Unrecht in der Vergangenheit wachzuhalten, aber auch die Mahnung an unsere Gesellschaft heute, gegen Rassismus und Antiziganismus aufzustehen, sich seinen eigenen Vorurteilen im Kopf zu stellen, bestehende Denkmuster zu hinterfragen und vor allen Dingen allen Sinti als Menschen unter Menschen zu begegnen.

Neben den mündlichen Überlieferungen von Martha Guttenberger sowie anderer Zeitzeugen enthält das gründlich recherchierte Buch auch zahlreiche Fotos, Zeichnungen und andere Quellen, die die Geschichte dieser Familie und ihrer Lebensumstände einbetten in die sozialen, politischen und historischen Hintergründe der letzten 100 Jahre.

Das Buch ist ausleihbar in der Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek.

Martha Guttenbergers Geschichte bleibt Erinnerung und Mahnung gegen Antiziganismus und Diskriminierung.