Buchvorstellung Dr. Fredy Kahn "Meine jüdisch-schwäbische Familiengeschichte in 11 Generationen"

„Wir wollen, dass man aktiv etwas unternimmt“ - Dr. Fredy Kahn bewegt fast 200 Gäste in der ehemaligen Synagoge Rexingen

Buchvorstellung

Bei der Vorstellung seines Buches über elf Generationen jüdisch-schwäbischer Familiengeschichte schlägt der ehemalige Nagolder Arzt eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart. Sein eindringlicher Appell gegen Antisemitismus wird mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus gewürdigt.

Bei der Vorstellung seines Buches über elf Generationen jüdisch-schwäbischer Familiengeschichte schlägt der ehemalige Nagolder Arzt eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart. Sein eindringlicher Appell gegen Antisemitismus wird mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus gewürdigt.

Rexingen. Die Sitzplätze reichten nicht aus: Fast 200 Menschen kamen am vergangenen Sonntag in die ehemalige Synagoge Rexingen, um Dr. Fredy Kahn aus Tübingen bei der Vorstellung seines Buches „Meine jüdisch-schwäbische Familiengeschichte in 11 Generationen“ zu erleben. Manche Besucher mussten sich auf dem Boden niederlassen. Viele waren aus der gesamten Region angereist, darunter auch Menschen, die sich noch persönlich an Harry Kahn, den letzten jüdischen Viehhändler aus Baisingen, erinnern konnten.

Was als Buchvorstellung begann, wurde zu einem bewegenden Abend, an dessen Ende die Gäste den Autor mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus ehrten. Denn Fredy Kahn erzählte nicht nur die Geschichte seiner Familie. Er machte deutlich, was die Erinnerung an die Vergangenheit für das jüdische Leben in Deutschland heute bedeutet – und welche Verantwortung daraus für jeden Einzelnen erwächst.

Dr. Fredy Kahn erzählt aus seinem Leben und Gabriel Stängle liest aus dem Buch.
Dr. Fredy Kahn erzählt aus seinem Leben und Gabriel Stängle liest aus dem Buch.

Die Vorsitzende des Träger- und Fördervereins Ehemalige Synagoge Rexingen, Andrea Dettling, erinnerte in ihrer Begrüßung an den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die seither zunehmende Bedrohung jüdischen Lebens. Die Aufgabe des Synagogenvereins ende nicht mit der Erinnerung an eine jüdische Gemeinde, die durch die Schoa ausgelöscht wurde. „Wir müssen uns auch mit jüdischem Leben in der Gegenwart befassen, jüdischen Stimmen Gehör verschaffen und dafür eintreten, dass Jüdinnen und Juden heute selbstverständlich und sicher in unserer Gesellschaft leben können“, betonte Dettling.

Auch Horbs Oberbürgermeister Michael Keßler ließ es sich nicht nehmen, ein Grußwort zu sprechen. Dabei teilte er persönliche Familienerinnerungen, die bis zum Kennenlernen seiner Eltern zurückreichten. Als Kind hätten ihn die Erzählungen seiner Eltern über die Judenverfolgung völlig ungläubig zurückgelassen. Umso wichtiger sei es ihm, heute Zeichen für den Schutz jüdischen Lebens zu setzen.

Elf Generationen Familiengeschichte

Fredy Kahn, ehemaliger Allgemeinarzt in Nagold, hatte in den vergangenen Jahren in Schulen und bei anderen Gelegenheiten über das Schicksal seines Vaters berichtet. Dieser war während der NS-Zeit deportiert worden und hatte erstaunlicherweise vier Jahre verschiedene Lager und KZs sowie zuletzt das Ghetto Theresienstadt überlebt. Immer wieder hatten Zuhörer Kahn dazu ermuntert, seine Erzählungen aufzuschreiben. Nachdem er seine berufliche Tätigkeit vollständig beendet hatte, setzte er dieses Vorhaben mit Unterstützung des Calwer Schuldekans Thorsten Trautwein um.

Fredy  Kahn als Kind - Fredy Kahn auf dem Baisinger Friedhof
Fredy Kahn als Kind - Fredy Kahn auf dem Baisinger Friedhof

Das nun vorliegende Buch geht weit über die Lebensgeschichte des Vaters hinaus. Mit gründlichen Recherchen in Archiven und unterstützt von Gabriel Stängle konnte Kahn die Familiengeschichte bis ins späte 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Dabei entdeckte er auch, dass aus der Viehhändlerfamilie Kahn zwei Rabbiner hervorgegangen waren – eine Tatsache, die ihm zuvor nicht bekannt gewesen war.

Sein eigener Lebensweg verlief zunächst in eine andere Richtung. Harry Kahn wollte seinen Sohn traditionsgemäß zum Viehhändler ausbilden. Doch nach nur drei Monaten entschied sich Fredy Kahn erst für das Studium der Tiermedizin und später für die Humanmedizin. Ganz fremd blieb ihm die Welt seines Vaters dennoch nicht: An manchen Orten besuchte er später dieselben Häuser wie dieser. Einen Unterschied gab es allerdings, wie er mit einem Lächeln erzählte: Während sein Vater häufig in den Stall gerufen worden sei, um über ein mögliches Geschäft zu verhandeln, habe man ihn in die gute Stube gebeten.

Harry Kahn mit Viehherde  - sein Sohn Fredy Kahn in der Baisinger Synagoge
Harry Kahn mit Viehherde - sein Sohn Fredy Kahn in der Baisinger Synagoge

Bei der genealogischen Forschung wurde Kahn bewusst, wie verletzlich jüdisches Leben über die Jahrhunderte hinweg gewesen war. Immer wieder mussten Familienmitglieder wegen judenfeindlicher Verfolgung ihren Wohnort wechseln. Die lange Zeit, in der die Familie in Baisingen lebte, bildete eine Ausnahme. Doch auch dort überschatteten die antijüdischen Ausschreitungen von 1848 das Zusammenleben. Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden 1864 schien die Bedrohung vielen bereits wie ein Ereignis aus ferner Vergangenheit. Eine Jubiläumsrede aus dem Jahr 1885 zeugt davon. Das Schlimmste sollte mit der Schoa erst noch kommen.

Stammbaum der Familie Dr. Fredy Kahn basierend auf Daten der jüdischen Familiendatenbank www.juedische-familien.de
Stammbaum der Familie Dr. Fredy Kahn basierend auf Daten der jüdischen Familiendatenbank www.juedische-familien.de

Bei der genealogischen Aufarbeitung unterstützte auch Andrea Dettling den Autor. Sie half, den Stammbaum über elf Generationen bis ins 17. Jahrhundert zusammenzustellen und für das Buch grafisch aufzubereiten. Ein ausgestellter Verwandtschaftsbaum machte die weitreichenden familiären Verbindungen für die Besucher sichtbar.

"Wir Juden wollen, dass man aktiv etwas unternimmt!"

Besonders eindringlich wurde die Veranstaltung, als Fredy Kahn auf eine Frage aus dem Publikum über die deutsche Erinnerungskultur sprach. Er würdigte die Entwicklung des Gedenkens an die ermordeten Juden und hob hervor, dass sich der Umgang mit der NS-Geschichte an Schulen deutlich verändert habe. Zugleich machte er klar, dass Erinnern allein nicht ausreiche.

„Was mir dann wirklich aufgefallen ist: Dass man zwar mit Lichtern an einer Gedenkstätte steht, aber das war nicht das, was wir wollten. Wir Juden wollen, dass man aktiv etwas unternimmt, aktiv wird“, sagte Kahn.

Es gehe nicht nur darum, der ermordeten Juden zu gedenken. Jüdinnen und Juden seien seit vielen Jahren Teil dieses Staates und wollten auch in Zukunft hier in Frieden leben. „Ich möchte hier in meiner schwäbisch-jüdischen Heimat in eine Ewigkeit gehen. Ich hoffe, meine Kinder und Enkel können das auch“, erklärte er. Dafür brauche es die aktive Unterstützung der Gesellschaft.

Sein Appell richtete sich ausdrücklich an jeden Einzelnen: im engsten Familienkreis, im Freundeskreis und überall dort, wo antisemitische Äußerungen fallen. Man müsse den Mut aufbringen, nachzufragen und zu widersprechen: „Was hast du jetzt da grad g'sagt, ist dir das eigentlich klar? Wie kommst du denn da darauf?“

Kahn erinnerte daran, dass schon während der NS-Zeit viele Menschen aus Angst um ihre Familien geschwiegen hätten. Nach dem Krieg habe er in Baisingen immer wieder den Satz gehört: „Ich hab gar nichts gesehen.“ Dabei sei es leicht, nichts zu sehen, wenn der Nachbar verschwinde und man bewusst wegblicke. Umso wichtiger sei es, heute nicht erneut wegzuschauen.

Auch den gegenwärtigen Antisemitismus sprach er unmissverständlich an. Dieser richte sich zunehmend auch gegen den Staat Israel. Gerade deshalb sei es wichtig, sich mit jüdischer Geschichte und Gegenwart auseinanderzusetzen, statt Vorurteilen und Klischees zu folgen. Seine Warnung galt besonders der Verbreitung von Falschinformationen im Internet. An junge Menschen richte er in Schulklassen deshalb einen eindringlichen Rat: „Ihr sitzt dauernd am Computer und Handy. Wisst Ihr was, schaltet mal Euren eigenen Computer ein, der ist nämlich da oben, schaltet den mal ein, bevor ihr alles glaubt, was Ihr lest.“
Der Applaus zeigte, wie sehr seine Worte die Zuhörer bewegten.

Eine Brücke vom Gedenken zum jüdischen Leben heute

In ihrem Schlusswort dankte Andrea Dettling dem Autor für seine berührenden Erzählungen. „Sie haben uns nicht nur gefesselt, sondern sie geben uns auch den Auftrag und die Motivation, unsere Arbeit im Synagogenverein weiterzumachen.“ Es gelte, nicht nur über die ermordeten Juden zu sprechen, sondern auch über jüdisches Leben in der Gegenwart und eine Brücke zwischen Geschichte und heutiger Lebenswirklichkeit zu schlagen.

In ihrem Schlusswort dankte Andrea Dettling dem Autor für seine berührenden Erzählungen. „Sie haben uns nicht nur gefesselt, sondern sie geben uns auch den Auftrag und die Motivation, unsere Arbeit im Synagogenverein weiterzumachen.“ Es gelte, nicht nur über die ermordeten Juden zu sprechen, sondern auch über jüdisches Leben in der Gegenwart und eine Brücke zwischen Geschichte und heutiger Lebenswirklichkeit zu schlagen.

Diese Verbindung soll auch bei künftigen Veranstaltungen des Vereins sichtbar werden. Bei der Gedenkveranstaltung am 8. November zur Reichspogromnacht wird erneut eine Nachkommenfamilie aus den USA in Rexingen erwartet. Der Verein möchte den Angehörigen Raum geben, von ihrem Leben und ihren Erfahrungen zu erzählen. Für das 30-jährige Vereinsjubiläum im Jahr 2027 sind weitere Veranstaltungen geplant, die Einblicke in jüdisches Leben heute ermöglichen. Dazu gehören ein Bericht über die Arbeit der Hilfsorganisation Keren Hayesod und ein Vortrag des Extremismusexperten Ahmad Mansour zum Thema „Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023“.

Die Buchvorstellung von Fredy Kahn hat eindrücklich gezeigt, wie Familiengeschichte Vergangenheit lebendig werden lässt – und wie aus der Erinnerung eine Verpflichtung für die Gegenwart entsteht.

Weitere Termine: Dr. Fredy Kahn stellt sein Buch am 16. Oktober im Bürgersaal Altensteig, am 21. Oktober im Kapuzinerkloster Weil der Stadt, am 5. November im Landratsamt Calw, am 9. November im iP-Zentrum Bad Liebenzell-Maisenbach, am 15. November im evangelischen Gemeindehaus Sulz am Eck und am 27. November im Kubus Nagold vor.

Das Buch „Meine jüdisch-schwäbische Familiengeschichte in 11 Generationen“ ist bei Edition Papierblatt erschienen und kostet 20 Euro.
(Autor: Andrea Dettling)