Vortrag zur Geschichte des Kinderheims "Neve Hanna" - Liebe statt Gehorsam -
Frau Dr. Dagmar Bluthardt berichtet in der Ehemaligen Synagoge Rexingen am 22. Februar 2026 um 17 Uhr
Impressionen zum Begleitvortrag zur Ausstellung im Museum Jüdischer Betsaal Horb von Fr. Dagmar Bluthardt am 22.2.2026
Bis Ende April werden im Museum Jüdischer Betsaal in der Ausstellung "Man musste das Kind ja irgendetwas lernen lassen" verschiedene Ausbildungswege und Biographien von jüdischen Kindern und Jugendlichen aus unserer Region vorgestellt. Sie nehmen uns mit in ganz unterschiedliche Situationen, wie Familien versucht haben, ihren Kindern die verwehrte Bildung zukommen zu lassen. Die Suche nach einem passenden Begleitvortrag führte uns über die persönlichen Beziehungen unserer Aktiven zu Frau Dr. Dagmar Bluthardt. Sie promovierte zum pädagogischen Konzept Hanni Ullmanns, der Gründerin von „Neve Hanna“. Seit vielen Jahren steht sie in engem Kontakt mit dem Kinderheim, das nicht weit entfernt vom Gaza-Streifen liegt. Ihr letzter Besuch dort war im Oktober 2025. In ihrem Vortrag wird sie auch über die aktuelle Situation von „Neve Hanna“ berichten. Sie arbeitet in Stuttgart als Leiterin der Sozial- und Migrationsabteilung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW).
In Berlin entstand in 1920er-Jahren aus einer jüdischen Volksküche das Kinder- und Jugendheim "Beit Ahawah (Haus der Liebe"). In den 1930er-Jahren gelang es der Leiterin einen Teil der Kinder nach Palästina zu bringen und dort eine neue "Ahawah" aufzubauen. Die Pädagogin Hanni Ullmann begleitete diesen Weg von Berlin nach Kiryat Bialik und setzte die Arbeit fort, indem sie in den 1970er-Jahren das familienähnlich konzipierte Heim "Neve Hanna (Hannas Oase)" in Kiryat Gat gründete. Sie fasste die Pädagogik dieser Kinderheime in einem Satz zusammen: "Was immer gleich geblieben ist, ist die Liebe zum Kind".
Lernen fürs Überleben - einleitende Worte von Heinz Högerle
„Moralische Unterstützung und Ermutigung wurden genauso wichtig wie das tägliche Brot.“ So erinnerte sich Tamara Blum 2004 in Israel an ihre Schulzeit in den 1930er Jahren in Rexingen. Ihr Lehrer Wolf Berlinger war ihr hauptsächlich wegen der liebevollen Zuwendung, die er den Kindern in den Zeiten der Bedrückung und Ausgrenzung entgegenbrachte, in Erinnerung geblieben. Nachzulesen ist das in der aktuellen Ausstellung im Museum Jüdischer Betsaal Horb „Man musste doch das Kind irgendetwas lernen lassen“. Viele Fotos und Originalzitate erzählen von dem Mut und der Kraft der Familien, der Bedrängnis zu trotzen und Mittel und Wege zu finden, für eine ungewisse Zukunft gewappnet zu sein. Dabei spielten jüdische Schulen, Kinderheime und Waisenhäuser eine große Rolle, nicht zuletzt auch bei der Rettung von Kindern und Jugendlichen vor den Deportationen.
Über die Geschichte eines ganz besonderen Kinderheims berichtet Dr. Dagmar Bluthardt aus Plochingen, Vorsitzende des deutschen Fördervereins „Neve Hanna Kinderhilfe e.V.“ am Sonntag, 22. Februar um 17 Uhr in der Ehemaligen Synagoge in Rexingen. Das „Bet Ahawah“ wurde vor mehr als hundert Jahren in Berlin gegründet und siedelte während der NS-Zeit nach Kiryat Bialik ins britische Mandatsgebiet Palästina über. 1974 erfolgte die Neugründung unter den Namen „Neve Hanna“ durch die Erzieherin Hanni Ullmann. Aus Mitteln ihrer „Wiedergutmachung“ erwarb sie zwei einfache Häuser in den Sanddünen der kurz zuvor gegründeten Stadt Kiryat Gat. Das pädagogische Konzept des Kinderheims mit seiner wechselvollen Geschichte fasste sie in einem Satz zusammen: „Was immer gleich geblieben ist, ist die Liebe zum Kind.“
Inzwischen ist „Neve Hanna“ ein Heim für Kinder und Jugendliche aus sozial-emotional belasteten oder zerrütteten Familien. Krankheit, Drogen, Alkohol, sexueller Missbrauch, Armut und Vernachlässigung sind die häufigsten Gründe, weshalb dem Heim Kinder zugewiesen werden. 80 Mädchen und Jungen im Alter von 4 bis 18 Jahren aus allen gesellschaftlichen Schichten werden in familienähnlichen Gruppen betreut. Neben den Hauseltern arbeiten in jeder Gruppe auch freiwillige israelische und deutsche oder schweizerische Jugendliche.
Zur Gesamtanlage gehören ein großer Gemeinschaftssaal, der auch als Synagoge benutzt wird, eine Bibliothek, ein Sportplatz, ein Fitnessraum, ein Streichelzoo und Räume für Freizeitkurse in Töpfern, Malen, Fotografieren und Musizieren. Das Mittagessen wird in einer zentralen Küche gekocht. In der eigenen Bäckerei können die Jugendlichen das Backhandwerk erlernen. An therapeutischen Möglichkeiten gibt es eine große Auswahl: Gesprächs-, Garten-, Tier-, Reit-, Hunde- oder Kunsttherapie. Psychologische Begleitung nach sexuellen Übergriffen wird für Opfer und für Täter angeboten. Ein gewählter Kinderbeirat vertritt die Interessen der Kinder und Jugendlichen gegenüber der Leitung der Einrichtung.
Die Dekanatsreferentin und Mitglied des Stifungsrat "Jüdischer Betsaal" Elisabeth Wütz hat als Studentin 1998 im Rahmen eines Auslandspraktikums vier Monate im Kinderheim Neve Hanna gearbeitet. Sie wird bei der Veranstaltung mit Dagmar Bluthardt, mit der sie freundschaftlich verbunden ist, auch über ihre Erfahrungen berichten.