Geschichtsfrühstück zu jüdischen Frauen in Horb
Linda Huber erzählte am 24.3.26 von jüdischen Frauen aus Horb - Mütter - Wohltäterinnen - Geschäftsfreuen
Linda Huber gab bei einem Geschichtsfrühstück im Begegnungshaus in Weitingen spannende Einblicke in das Leben jüdischer Frauen in Horb anhand der Biographien dreier Frauen Eva Fröhlich, Sophie Frank und Hedwig Neckarsulmer.
Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus bot der Synagogenverein in Kooperation mit der katholischen Erwachsenenbildung keb am 24. März 2026 ein Geschichtsfrühstück im Begegnungshaus in Weitingen an. Linda Huber, ehemalige Bildungsreferentin des Vereins, präsentierte einer sehr interessierten Teilnehmergruppe spannende Einblicke in 500 Jahre jüdisches Leben in Horb. Bis zur Zerstörung durch die Nationalsozialisten prägten jüdische Familien über Jahrhunderte das Leben in Horb. Der Vortrag folgte den Spuren jüdischer Frauen, die als Trägerinnen von Kultur, Religion und soziale Leben maßgeblich zur Blüte ihrer Gemeinden beitrugen - als umsichtige Mütter, engagierte Ehefrauen, erfolgreiche Geschäftsfreuen und Pionierinnen der Frauenbildungen.
Eine Zusammenfassung des Vortrags von Linda Huber:
Wer über (jüdische) Frauenleben im Laufe der Jahrhunderte sprechen möchte, stößt rasch an die Grenzen der Überlieferung. In den Quellen erscheinen Frauen häufig nur am Rande und werden auf ihre Rollen als Ehefrauen und Mütter reduziert. Insbesondere Angehörige der Unter- und Mittelschicht bleiben vielfach kaum greifbar. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass jüdische Frauen dort, wo sie in Erscheinung treten, durchaus eigene Handlungsspielräume nutzten und – teils indirekt, teils sehr konkret – das soziale, wirtschaftliche und politische Leben ihrer Gemeinden mitprägten. Anhand der Biografien von drei Frauen aus den jüdischen Gemeinden Rexingen und Horb zeichnete der Vortrag exemplarisch weibliche Lebensentwürfe unter den Bedingungen rechtlicher Einschränkung, schrittweiser Emanzipation, gesellschaftlicher Integration und schließlich nationalsozialistischer Verfolgung nach.
Am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert war das Leben von Eva Fröhlich (geb. Presnitz, 1768–1834) durch einen prekären Rechtsstatus sowie durch das Zusammenleben zweier Religionsgemeinschaften auf engem (nicht immer konfliktfreiem) Raum geprägt. Evas Wirkungsbereich lag vornehmlich im häuslichen Umfeld. Sie verantwortete die Haushaltsführung, Kindererziehung und die Einhaltung religiöser Praktiken und ritueller Traditionen wie das Entzünden der Schabbatkerzen. Indem sie diese Rolle pflichtbewusst ausfüllte, schuf sie zugleich die Grundlage für den außergewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg ihres Mannes, des Händlers Wolf Abraham Fröhlich. Dass sie innerhalb der Ehe von diesem als Partnerin anerkannt war, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Paar über Jahrzehnte in Gütergemeinschaft lebte – ein Umstand, der Eva trotz formalem Ausschluss aus jeglichen Handelstätigkeiten Zugriff auf beträchtliches Vermögen ermöglichte.
Mit der rechtlichen Gleichstellung und fortschreitenden gesellschaftlichen Integration erweiterten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Handlungsspielräume jüdischer Frauen. Dies wird exemplarisch an Sophie Frank (geb. Weil, 1854–1922) deutlich. Als Ehefrau von Hugo Frank gehörte sie zu den ersten Jüdinnen in der Stadt Horb und profilierte sich dort als erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie förderte gezielt die akademische Ausbildung ihrer Kinder, unterstützte deren soziale Kontakte über konfessionelle Grenzen hinweg und vermittelte ihnen zugleich ihre eigene Religiosität als wertvolles Gut. Auch über die Grenzen der jüdischen Gemeinde hinaus genoss sie große Anerkennung. Dennoch blieb ihre Lebenswelt von einer grundlegenden Ambivalenz geprägt: Trotz wirtschaftlicher Wertschätzung und religiöser Toleranz wurden jüdische Familien in der christlichen Mehrheitsgesellschaft weiterhin als „die Anderen“ wahrgenommen. Die Spannung zwischen Integration, Assimilation und fortbestehender Distanz kennzeichnete somit die Erfahrung jüdischer Existenz an der Schwelle zur Moderne. Sie bot den Nährboden für Hass.
Die radikale Zuspitzung des latenten zu einem auf Vernichtung zielenden Antisemitismus im Nationalsozialismus erlebte Hedwig Neckarsulmer (geb. Hopfer, 1912–2003). Bereits kurz nach ihrer Heirat im Jahr 1933 wurde ihr Handlungsspielraum durch systematische Diskriminierung, wirtschaftliche Boykotte und den Entzug bürgerlicher Rechte massiv eingeschränkt. 1938 entschloss sich die Familie gemeinsam mit anderen jungen Familien zur Emigration nach Palästina – ein Schritt, der großen Mut und erhebliche Entbehrungen erforderte. In der genossenschaftlich organisierten Siedlung Shavei Zion beteiligte sich Hedwig Neckarsulmer als Buchhalterin aktiv am Aufbau neuer Lebensstrukturen, bevor die Familie 1948 in die USA weiterzog. Eine Rückkehr nach Rexingen kam nicht mehr in Frage: Der Großteil der dortigen jüdischen Gemeinde war im Nationalsozialismus ermordet worden.
Die drei Biografien verdeutlichen, dass jüdische Frauen trotz vielfältiger struktureller Einschränkungen keineswegs als passive Begleiterinnen männlicher Lebensläufe verstanden werden können. Sie agierten als zentrale Akteurinnen im familiären, wirtschaftlichen und sozialen Gefüge: als Trägerinnen religiöser Praxis, als Partnerinnen in ökonomischen Zusammenhängen und als stabilisierende Kräfte innerhalb ihrer Gemeinschaften. Ob sichtbar im öffentlichen Raum oder im Hintergrund wirkend – sie nutzten ihre Handlungsspielräume aktiv und trugen entscheidend zur Weitergabe jüdischer Identität über Generationen hinweg bei.