Buchtipp Andersdenkerinnen
Eine Annäherungen an Helene Nathan, Anna Seghers und Hannah Arendt von Anna Faroqhi
Buchempfehlung: Andersdenkerinnen von Anna Faroqhi
Wie können Geschichten von Flucht, Exil und Ausgrenzung aus der Vergangenheit helfen, dass wir die Gegenwart besser verstehen? Annäherungen an Helene Nathan, Anna Seghers und Hannah Arendt. Bebra Verlag, Berlin 2022, 191 Seiten.
In ihrer Graphic Novel „Andersdenkerinnen“ beschreibt die Filmemacherin und Zeichnerin Anna Faroqhi das Leben von drei bedeutenden intellektuellen Frauen des 20. Jahrhunderts: der Bibliothekarin Helene Nathan, der Schriftstellerin Anna Seghers und der Philosophin Hannah Arendt. Während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland wurden sie nicht nur wegen ihrer jüdischen Identität, sondern auch wegen ihres Denkens und ihrer politischen Einstellungen entrechtet und verfolgt.
Helene Nathan studierte u.a. Geschichte und Kunstgeschichte und promovierte 1911 in der Schweiz, wo es für Frauen damals möglich war, zu promovieren und sich zu habilitieren. Später ging sie nach Berlin und leitete dort als Bibliothekarin die Volksbücherei in Neukölln. Als Mitglied der SPD, aber vor allem aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, wurde ihr 1933 durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ gekündigt. Nach dem Beginn der ersten Deportationen von deutschen Juden aus Baden und der Saarpfalz, nahm sie sich 1940 das Leben.
Anna Seghers ist heute vor allem als Autorin bekannt. Ihre Bücher wurden in Deutschland verboten und verbrannt und das nicht nur weil sie Jüdin war, sondern auch weil sie sich der KPD angeschlossen hatte. Es gelang ihr, in die Schweiz zu fliehen und später in das noch unbesetzte Paris weiterzureisen. Als die Deutschen dort einmarschierten, floh sie über Umwege nach Mexiko. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück, trat der SED bei und lebte in Ost-Berlin. Zu ihren berühmtesten Romanen gehören „Transit“ und „Das siebte Kreuz“, die - wie viele andere ihrer Werke - auch verfilmt wurden.
Die Philosophin Hannah Arendt floh bereits 1933 aus Deutschland und lebte im Exil in Frankreich. Als deutsche Truppen 1940 Belgien besetzten, steckten die Franzosen sie in das Lager Gurs. Von dort konnte sie zusammen mit anderen Frauen fliehen und emigrierte von Marseille aus weiter in die USA. Nach dem Krieg schrieb sie ein Buch, in dem sie versuchte, die Eigenart totalitärer Systeme zu beschreiben: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Sie versuchte zu verstehen, welches die Ursachen und Bedingungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus gewesen sein könnten. Als Adolf Eichmann, einer der Hauptkoordinatoren der „Endlösung der Judenfrage“, in Argentinien entdeckt und nach Israel entführt wurde, reiste Arendt nach Jerusalem, um der Gerichtsverhandlung beizuwohnen. Sie schrieb darüber einen Bericht, der unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem“ berühmt wurde. Arendt starb 1975 in New York.
Anna Faroqhi gelingt es mit ihrer Graphic Novel, nicht nur die Geschichten dieser Frauen lebendig werden zu lassen, sondern sie verwebt deren Schicksale gekonnt mit den fiktiven Biografien dreier jungen Menschen, die im heutigen Berlin leben und selbst einen Migrationshintergrund haben. Robin, Chioma und Irit erzählen sich nämlich gegenseitig die Lebensgeschichten dieser Frauen aus der Perspektive der heutigen Zeit und lässt sie gemeinsam über ihre eigene Situation nachdenken.
Die Idee zu ihrem Comic-Roman kam Anna Faroqhi durch ein Projekt mit jungen Flüchtlingen. Sie wollte ihnen zeigen, dass auch viele Deutsche während der Zeit des Nationalsozialismus Flucht und Exil erlebten und so eine Beziehung herstellen zu Flucht- und Migrationsgeschichten aus der heutigen Zeit.
Das Buch ist für alle gedacht, die zum einen mehr über Helene Nathan, Anna Seghers und Hannah Arendt erfahren möchten, zum anderen aber auch für alle, die sich mit der Frage beschäftigen, was die Schicksale dieser „Andersdenkerinnen“, ihre Flucht und ihre Migration für uns heute bedeuten. Durch die Zeichnungen sind die Biografien lebendig und spannend erzählt und auch für Menschen geeignet, die vielleicht nicht so gerne lesen oder noch nie eine Graphic Novel in der Hand hatten. Ein sehr bemerkenswertes und auch empfehlenswertes Buch, das noch lange nachklingt.
Die „Andersdenkerinnen“ kann in der Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek ausgeliehen werden.