Rundgang-Station

Jüdischer Betsaal Horb

Die Pogrome 1938

Einleitung (Station)
Der jüdische Betsaal in der Badgasse war über Jahrzehnte ein religiöses und gesellschaftliches Zentrum der jüdischen Gemeinde in Horb. Während der Novemberpogrome am 10. November 1938 wurde seine gesamte Inneneinrichtung durch Nationalsozialisten und Horber Schüler zerstört und verbrannt. Die Station zeigt die Ereignisse der Pogromnacht in Horb sowie deren Folgen für die jüdische Gemeinde und erinnert zudem an die Zerstörung ihres religiösen Mittelpunktes.
Standort

Fürstabt-Gerbert-Straße 2
72160 Horb (Kernstadt)
Route finden

Dauer (Aufenthalt)
Ca. 5 Minuten
Zeitlicher Rahmen
1890–1939 (Schwerpunkt: 10. November 1938)
Anlass
Zerstörung des Horber Betsaals während der Novemberpogrome

Historischer Hintergrund

Die jüdische Gemeinde war ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Lebens in Horb am Neckar. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann jedoch die schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Bürger wurden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, wirtschaftlich benachteiligt und Ziel antisemitischer Hetze. 

Diese Entwicklung erreichte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 einen entscheidenden Wendepunkt. Im damaligen gesamten Deutschen Reich organisierten Nationalsozialisten gewaltsame Übergriffe auf Synagogen, Bethäuser, Geschäfte und Wohnungen. Die Novemberpogrome markierten den Übergang von Diskriminierung und Entrechtung zur offenen Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung.

Auch in Horb wurden richteten sich diese Gewalt gezielt gegen die jüdische Gemeinde und ihren Betsaal in der ehemaligen Badgasse 2 ( Heute: Fürstabt-Gerbert-Str. 2).(1) Am Morgen des 10. November 1938 wurde der Horber Betsaal durch Horber Nationalsozialisten und Schüler der Latein- und Realschule verwüstet.(2) Gebetbücher, Torarollen, Kultgegenstände und Teile der Inneneinrichtung wurden aus den Fenstern geworfen und auf der Straße verbrannt.(39 Die Zerstörung des Betsaals war Teil der reichsweiten Pogrome. Obwohl das Gebäude selbst erhalten blieb, konnte der Betsaal nach den Ereignissen nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden. 

Bereits Anfang des Jahres 1939 wurden die ehemaligen Räumlichkeiten des Betsaals zu zwei kleinen Wohnungen umgebaut, wodurch das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde endgültig verschwand.(4) Die Ereignisse der Pogromnacht markieren auch in Horb einen Wendepunkt der nationalsozialistischen Judenverfolgung und gingen der späteren Deportation und Ermordung zahlreicher Horber Jüdinnen und Juden voraus.

Geschichte und Zusammenhänge

Der Betsaal – Religiöses und gesellschaftliches Zentrum der jüdischen Gemeinde

Der jüdische Betsaal in der Badgasse war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde in Horb. Nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner in Horb angewachsen war, richtete die Gemeinde um 1890 im ersten Obergeschoss des Hauses Badgasse 2 einen eigenen Betsaal ein.(5) Bis dahin fanden Gottesdienste in privaten Wohnhäusern statt. Der Betsaal bestand aus einem Männer- und einem Frauenbereich, die durch einen „türbreiten Durchbruch“ miteinander verbunden waren.(6) Der Gebetsraum der Männer war mit einem Toraschrein, einem Vorbeterpult sowie mehreren Sitzreihen ausgestattet. Im Toraschrein an der Ostwand wurden die Torarollen aufbewahrt.(7)

Der Betsaal war nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt der jüdischen Gemeinde.Hier kamen die Familien regelmäßig zu den Sabbatgottesdiensten, zu den hohen jüdischen Feiertagen sowie zu religiösen Feiern und Versammlungen zusammen.(8)

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verschlechterte sich jedoch die Situation der jüdischen Gemeinde zunehmend. Die Zahl der Gemeindemitglieder nahm durch Ausgrenzung, Emigration und wirtschaftliche Not immer weiter ab.(9) Dennoch blieb der Betsaal bis zur Pogromnacht im November 1938 der wichtigste religiöse Versammlungsort der Horber Juden. Seine Zerstörung bedeutete deshalb nicht nur den Verlust eines Gebäudes, sondern auch das Ende des religiösen Gemeindelebens in Horb. 

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie des Gebäudes, in dem sich der jüdische Betsaal in Horb befand. Das mehrstöckige Eckhaus besitzt ein steiles Satteldach, eine verputzte Fassade und mehrere Fenster mit dunklen Holzläden.
Das Gebäude, in dem sich der jüdische Betsaal befunden hatte, im Jahre 1964.

Die Pogromnacht in Horb – Die Zerstörung des Betsaals

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markierte auch in Horb einen Wendepunkt in der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Im gesamten Deutschen Reich wurden in dieser Nacht Synagogen und Bethäuser zerstört, jüdische Geschäfte verwüstet sowie jüdische Bürger misshandelt und verhaftet. 

Auch in Horb richtete sich die Gewalt gezielt gegen den Betsaal der jüdischen Gemeinde in der Badgasse.(10) Am Morgen des 10. November 1938 führte der Horber Kunstlehrer Franz Gronmayer eine Gruppe von Schülern der Latein- und Realschule zum Betsaal. Unter seiner Anleitung drangen die Schüler in die Gebetsräume ein und begannen, die gesamte Inneneinrichtung zu verwüsten. (11) Bänke, Stühle, Gebetbücher, Torarollen, Gebetsschals und weitere religiöse Gegenstände wurden aus den Fenstern auf die Straße geworfen. Anschließend wurden die Kultgegenstände auf der Straße zu einem Haufen zusammengeschichtet und verbrannt.(12)

Zeitzeugen berichteten später, dass der Lehrer Franz Gronmayer die Schüler ausdrücklich zum Zerstören und Verbrennen der Einrichtungsgegenstände aufforderte. Die Ausschreitungen fanden am helllichten Tag statt und konnten von zahlreichen Horber Bürgerinnen und Bürgern beobachtet werden. Erst nachdem der Hauseigentümer die Polizei verständigt hatte, griffen zwei Polizeibeamte ein und ließen das Feuer löschen.(13)

Zu diesem Zeitpunkt war die Inneneinrichtung des Betsaals bereits nahezu vollständig zerstört. Das Gebäude selbst wurde nicht angezündet, da es sich seit dem Jahr 1930 im Besitz eines christlichen Ehepaares befand.(14) Die Ereignisse in Horb entsprachen dem Vorgehen während der reichsweiten Novemberpogrome, bei denen jüdische Gotteshäuser bewusst angegriffen wurden, um das religiöse und kulturelle Leben der jüdischen Bevölkerung zu zerstören

Mit der Verwüstung des Betsaals verlor die jüdische Gemeinde ihren wichtigsten religiösen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Die Pogromnacht machte deutlich, dass die nationalsozialistische Judenpolitik nicht mehr nur auf Ausgrenzung und Diskriminierung beruhte, sondern zunehmend in offene Gewalt und systematische Verfolgung überging.(15)

Bereits Anfang des Jahres 1939 beantragte der neue Hauseigentümer den Umbau der ehemaligen Betsaalräume zu Wohnungen, wodurch die ursprüngliche Nutzung endgültig beendet wurde.(16) Zeitgleich verschärfte sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Horb erheblich. Im Zusammenhang mit den Novemberpogromen wurden mehrere jüdische Männer aus Horb verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert.(17)

Zu ihnen gehörte unter anderem der Kaufmann Viktor Esslinger, dessen Familienschicksals in Station 09 weiter thematisiert wird, der mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war und erst nach seiner Entlassung nach Horb zurückkehren konnte.(18) Die Inhaftierungen dienten dazu, die jüdische Bevölkerung einzuschüchtern und zur Auswanderung zu zwingen. In den folgenden Jahren mussten viele jüdische Familien ihre Wohnungen und Geschäfte aufgeben oder wurden zwangsweise umgesiedelt.(19) Ab 1941 begannen schließlich die Deportationen der noch in Horb lebenden Jüdinnen und Juden in Ghettos und Konzentrationslager, von denen die meisten nicht zurückkehrten.

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie eines Aufmarschs uniformierter Nationalsozialisten durch eine Straße in Horb. An der linken Bildseite hängen Hakenkreuzfahnen. Im Hintergrund stehen mehrere Wohn- und Geschäftshäuser. Ein Mann und ein Kind beobachten den Aufmarsch vom Straßenrand aus.
Hitlerjugend demonstriert ihre Stärke bei einem Marsch durch die Neckarstraße

Die Zerstörung des Betsaals traf einen wichtigen Ort der jüdischen Gemeinde. Am Ihlinger Tor wechseln wir die Perspektive: Von dort aus lässt sich das frühere Gebäude im Stadtbild verorten und mit historischen Ansichten vergleichen.

Historischer, handgezeichneter und kolorierter Grundriss des jüdischen Betsaals in Horb. Der Plan zeigt die Raumaufteilung mit mehreren beschrifteten Zimmern, Treppen und Maßangaben. Am oberen Rand befinden sich handschriftliche Vermerke, eine Unterschrift und ein Stempel.
Nach der Schändung im November 1938 - das genehmigte Baugesuch für den Umbau des jüdischen Betsaals in zwei Wohnungen.

Zitate

Die Zerstörung des Betsaals

„hatten die Schüler bereits begonnen, die Gewänder der Juden, die Stuhlkissen, die Fußschemel usw. zu den zuvor geöffneten Fenstern hinauszuwerfen. In der Badgasse wurde von den Außenstehenden alles auf einenHaufen geworfen und das, was im Innern der Kirche noch nicht beschädigt wurde, draußen zerschlagen. Wie man aus dem Lärm hörte, sollte alles verbrannt werden.“
(Staudacher 2019, S. 316–317)

„Heute werfen wir den Juden die Scheiben ein!“ – Lehrer G
(Staudacher 2019, S. 318)

Folgen der Progromnacht

„Wir gingen zu Bett. Ich bin aufgewacht vom Zersplittern von Glas. Durch alle Fenster flogen Steine ins Haus und machten alles kaputt. … Früh am Morgen kamen sie und verhafteten meinen Vater.“ (Staudacher 2019, S. 314)

Quellenverzeichnis

(1) Vgl. Staudacher, Barbara: Das Novemberprogromm 1939 in Horb und seine Folgen. In: Stadtarchiv Horb und Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde und die Dokumentation ihres Friedhofs. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur, 2019, S. 314 -321, hier S.316 f.

(2) Vgl. Staudacher (2019), S.316 f.

(3) Vgl. Staudacher (2019), S.317.

(4) Zerhusen, Michael (2019): Der Betsaal – ein besonderes Projekt. In: Stadtarchiv Horb a. N. und Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde und die Dokumentation ihres Friedhofs. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur. S. 347–353, Hier S.349.

(5) Vgl. Staudacher, Barbara: Die Entstehung der jüdischen Gemeinde. In: Stadtarchiv Horb und Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur, 2019, S. 69 -71, S.69.

(6) Vgl. Staudacher, Barbara: Die verschollene Heimat des Fritz Frank. In: Stadtarchiv Horb und Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur, 2019, S.243.

(7) Vgl. Staudacher (2019), S.243.

(8) Adler, Renate Karoline / Kölle, Maria / Zimmermann, Rosemarie: Schwieriges Erinnern – ein Zeitzeugenprojekt des Stadtarchivs Horb. In: Stadtarchiv Horb a. N. und Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde und die Dokumentation ihres Friedhofs. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur 2019, S. 224.

(9) Vgl. Braunhuber, Martin / Haizmann, Konrad / Katz, Kevin / Stängle, Gabriel: „Hier gilt der deutsche Gruß.“ Die Kreisleitung der NSDAP in Hochdorf und im Kreis Horb. Neulingen: J. S. Klotz Verlagshaus 2024, S. 223 f.

(10) Vgl. Staudacher (2019), S.317.

(11) Vgl. Staudacher (2019), S.318.

(12) Vgl. Staudacher (2019), S.176.

(13) Vgl. Staudacher (2019), S.317.

(14) Vgl. Zerhusen (2019), S.349.

(15) Vgl. Staudacher (2019), S.314-317.

(16) Vgl. Zerhusen (2019), S.349.

(17) Vgl. Staudacher (2019), S.314-317.

(18) Vgl. Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.) (2011): Stolpersteinverlegung für Viktor, Alice und Helmut Esslinger am 26. November 2011 in Horb, Gutermannstr. 7. Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen.

(19) Vgl. Braunhuber et al. (2024), S.226f.

Braunhuber, Martin / Haizmann, Konrad / Katz, Kevin / Stängle, Gabriel (2024): „Hier gilt der deutsche Gruß.“ Die Kreisleitung der NSDAP in Hochdorf und im Kreis Horb. Neulingen: J. S. Klotz Verlagshaus. 

Stadtarchiv Horb a. N. & Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.) (2019): Vom Leben in Horb am Neckar. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde und die Dokumentation ihres Friedhofs. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur.

Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen (Hrsg.) (2011): Stolpersteinverlegung für Viktor, Alice und Helmut Esslinger am 26. November 2011 in Horb, Gutermannstr. 7. Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen.