Marktstraße 4
Euthanasie – Eugen Rohrer
- Introduction (station)
- Eugen Rohrer wurde aufgrund einer psychischen Erkrankung Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Nach jahrzehntelanger Unterbringung in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten wurde er am 3. Juni 1940 nach Grafeneck verlegt und dort im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ ermordet.
- Location
-
Marktstraße 4
72160 Horb (Kernstadt)
Find route - Duration (stay)
- approx. 5 Minutes
- Timeframe
- 1897–1941
- Reason
- Leben und Ermordung von Eugen Rohrer im Rahmen der „Aktion T4“
Historischer Hintergrund
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Erkrankungen zu einem festen Bestandteil der nationalsozialistischen Rassenpolitik.(1)
Sie wurden von den Nationalsozialiszen als „erbkrank“ oder „lebensunwertes Leben“ entrechtet.(2) Auf Grundlage der nationalsozialistischen Erbgesundheits- und Rassenideologie entstand das sogenannte „Euthanasieprogramm“, das die systematische Ermordung von Patientinnen und Patienten in Heil- und Pflegeanstalten zum Ziel hatte.
Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden zwischen 1940 und 1941 mehr als 70.000 Menschen ermordet. Grafeneck auf der Schwäbischen Alb war die erste nationalsozialistische Tötungsanstalt im Deutschen Reich und entwickelte sich zu einem zentralen Ort dieser „Patientenmorde“ (3). Auch Menschen aus Horb wurden Opfer dieser Verbrechen. Einer von ihnen war der Schlosser Eugen Rohrer, der am 3. Juni 1940 von der Heilanstalt Winnenden nach Grafeneck verlegt und dort noch am selben Tag ermordet wurde.(4)
Geschichte und Zusammenhänge
Die nationalsozialistische „Euthanasie“
Die nationalsozialistische „Euthanasie“ war ein staatlich organisiertes Mordprogramm gegen Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Erkrankungen. Die Nationalsozialisten betrachteten diese Menschen als Belastung für die „Volksgemeinschaft“ und rechtfertigten ihre Ermordung mit der Ideologie vom sogenannten „lebensunwerten Leben“. Ab 1940 wurden Patientinnen und Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten systematisch in spezielle Tötungsanstalten gebracht. Dort wurden sie meist noch am Tag ihrer Ankunft in Gaskammern ermordet. Die Angehörigen erhielten anschließend gefälschte Sterbeurkunden mit erfundenen Todesursachen. Grafeneck war die erste dieser Tötungsanstalten und wurde zum Symbol der nationalsozialistischen Krankenmorde. Eugen Rohrer gehört zu den zahlreichen Opfern dieser Verbrechen.
Eugen Rohrer – Vom Schlosser zum Anstaltspatienten
Eugen Rohrer wurde am 29. Oktober 1864 in Horb als ältester Sohn des Schlossermeisters Lorenz Rohrer und seiner Frau Cumerane, geborene Blank, geboren. Er wuchs in der Marktstraße 4 auf, wo sich zugleich die Schlosserwerkstatt der Familie befand. Nach seiner Schulzeit erlernte er das Schlosserhandwerk und galt als fleißiger und tüchtiger Handwerker.
Ein schwerer Arbeitsunfall im Jahr 1898 veränderte sein Leben grundlegend. Obwohl er den Sturz zunächst äußerlich unbeschadet überstand, traten in den folgenden Jahren psychische Veränderungen auf. Seine Familie bemühte sich lange um seine Betreuung, sah sich jedoch schließlich überfordert.
Nach mehreren weiteren Vorfällen wurde Eugen Rohrer in verschiedene Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen. Seine Krankenakten zeigen einen sprachgewandten und humorvollen Mann, der sich immer wieder gegen seine dauerhafte Unterbringung wehrte und unter den Behandlungen sowie der Trennung von seiner Familie litt.
Zwischen 1903 und 1940 lebte Eugen Rohrer in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten, darunter Rottenmünster, die Nervenklinik Tübingen, die Privatirrenanstalt Pfullingen und schließlich die Heilanstalt Winnenden.
Am 3. Juni 1940 wurde Eugen Rohrer als Nummer 63 eines Transports von der Heilanstalt Winnenden nach Grafeneck gebracht. Die offizielle Bezeichnung lautete „Verlegung“, tatsächlich handelte es sich um die Deportation in eine Tötungsanstalt der nationalsozialistischen „Aktion T4“. Noch am Tag seiner Ankunft wurde Eugen Rohrer in der Gaskammer ermordet.
Heute erinnert ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Marktstraße 4 an sein Leben und sein Schicksal. Seine Biografie steht stellvertretend für die vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen, die während der nationalsozialistischen Diktatur entrechtet, ausgegrenzt und schließlich systematisch ermordet wurden.
Eugen Rohrer wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde in Grafeneck ermordet. An der Gutermannstraße 7 erzählt der Rundgang nun, wie die Verfolgung das Leben einer jüdischen Familie in Horb veränderte.
Quellenverzeichnis
(1) Vgl. Braunhuber, Martin / Haizmann, Konrad / Katz, Kevin / Stängle, Gabriel: „Hier gilt der deutsche Gruß.“ Die Kreisleitung der NSDAP in Hochdorf und im Kreis Horb. Neulingen: J. S. Klotz Verlagshaus 2024, S. 266f.
(2) Vgl. Braunhuber, et al. (2024), S. 266f.
(3) Braunhuber, et al. (2024), S. 266.
(4) Vgl. Eger, Bettina: Stolpersteinverlegung für Eugen Rohrer am 26. November 2011 in Horb, Marktstraße 4. Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen 2011, S. 2.
Eger, Bettina (2011): Stolpersteinverlegung für Eugen Rohrer am 26. November 2011 in Horb, Marktstraße 4. Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen.
UnivA Tü Krankengeschichten der Nervenklinik 309/3280 Krankenakte Eugen Rohrer (geb.
1864)
StA Lu F 235 III Staatl. Heilanstalt Winnenden, Patientenblätter Bü 683
Stadtarchiv Horb, Bd. 237 Oberamtsstadt Horb. Feuerversicherungsbuch, Bd. I
Stadtarchiv Horb, Familienbuch, Blatt 54