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Gutermannstraße 7

Familie Esslinger

Introduction (station)
Die heutige Gutermannstraße 7 war über Jahrzehnte ein wichtiger Ort jüdischen Lebens in Horb. Hier lebte die jüdische Kaufmannsfamilie Esslinger und betrieb ein Wäsche- und Kurzwarengeschäft. Das Haus war nicht nur Wohnort von Viktor, Alice und Helmut Esslinger, sondern auch ein Ort familiären Zusammenlebens, wirtschaftlicher Tätigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.
Location

Gutermannstraße 7
72160 Horb (Kernstadt)
Find route

Duration (stay)
approx. 5 Minutes
Timeframe
1905-1942
Reason
Leben, Verfolgung und Deportation von Familie Esslinger

Historischer Hintergrund

Das Gebäude in der heutigen Gutermannstraße 7, damals Schulstraße 7, war über viele Jahre Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Esslinger. Viktor Esslinger führte hier gemeinsam mit seinem Vater ein Wäsche- und Kurzwarengeschäft.(1)

1935 heiratete Viktor Esslinger die Horberin Alice Stern.(2) Ein Jahr später wurde ihr Sohn Helmut geboren.(3) Die Familie lebte und arbeitete in diesem Haus, bis die nationalsozialistische Verfolgung ihr Leben grundlegend veränderte. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Viktor Esslinger im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.(4) 1940 musste die Familie ihr Haus verkaufen. 1941 wurde sie zunächst nach Rexingen zwangsumgesiedelt und am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Viktor, Alice und Helmut wurden ermordet. (5)

Seit 2011 erinnern drei Stolpersteine an der Gutermannstraße 7 in Horb vor dem Haus an die Familie und machen ihre Geschichte im Stadtbild sichtbar. 

Geschichte und Zusammenhänge

Die Familie Esslinger und ihr Geschäft

Das Haus in der damaligen Schulstraße 7, heute Gutermannstraße 7, war über viele Jahrzehnte eng mit der jüdischen Familie Esslinger verbunden. Seit 1889 befand sich das Gebäude im Besitz der Familie. Es war nicht nur Wohnhaus, sondern auch Geschäftshaus: Josef Esslinger und sein Sohn Viktor führten dort ein Wäsche- und Kurzwarengeschäft.(6) Damit war das Haus ein Ort des Alltags, der Arbeit und des jüdischen Lebens in Horb. 

Das Geschäft war Teil des wirtschaftlichen Lebens der Stadt. Die Familie Esslinger lebte über dem Ladengeschäft und war dadurch im Stadtbild präsent.(7) Auf historischen Fotos ist das Haus während eines Umzugs zur 700-Jahrfeier Horbs im Jahr 1929 zu sehen (siehe Abbildung 2). In der Eingangstür stehen wahrscheinlich Josef Esslinger und Viktor Esslinger.

Mit der nationalsozialistischen Verfolgung änderte sich die Situation grundlegend. Jüdische Geschäftsleute wurden zunehmend ausgegrenzt, wirtschaftlich unter Druck gesetzt und entrechtet. Im November 1940 musste Viktor Esslinger sein Haus verkaufen.(8) Damit verlor die Familie nicht nur ihr Geschäft, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt. Im Januar 1941 zog die Familie zu Alices Vater Siegfried Stern in die Neckarstraße 39.(9) Später folgte die Zwangsumsiedlung nach Rexingen und schließlich die Deportation nach Riga. 

Heute erinnern drei Stolpersteine vor dem Haus an Viktor, Alice und Helmut Esslinger. Der Ort steht deshalb sowohl für jüdisches Leben und wirtschaftliche Teilhabe als auch für Verfolgung, Enteignung, Deportation und Ermordung.

Viktor Esslinger – Kaufmann und Familienvater

Viktor Esslinger wurde am 14. Dezember 1897 in Horb geboren. Er war der Sohn von Josef Esslinger aus Mühringen und Sofie Levi aus Nordstetten. Viktor hatte zwei ältere Brüder, Adolf und Eugen. Seine Familie war schon lange mit dem Haus in der Schulstraße 7 verbunden, das seit 1889 im Besitz der Familie Esslinger war.(10)

Viktor besuchte die Königliche Realschule in Tübingen und erhielt 1914 die Berechtigung zum Einjährigen-Freiwilligen-Militärdienst. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Nach dem Krieg arbeitete er im Wäsche- und Kurzwarengeschäft seines Vaters.(11) Dadurch führte er die berufliche Tradition der Familie weiter und wurde Teil des Horber Geschäftslebens. 

Am 14. Juni 1935 heiratete Viktor die Horberin Alice Stern. Ein Jahr später, am 4. November 1936, wurde ihr Sohn Helmut geboren. Die Familie lebte im Esslinger-Haus über dem Ladengeschäft.(12) Für Viktor war das Haus also zugleich Arbeitsplatz, Wohnort und Familienmittelpunkt. 

Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde Viktor Esslinger zusammen mit anderen jüdischen Männern aus Horb verhaftet. Vom 12. bis 26. November 1938 war er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.(13)

Im November 1940 musste Viktor sein Haus verkaufen. Damit verlor er die wirtschaftliche Grundlage seiner Familie. 1941 musste er mit Alice und Helmut zuerst nach Rexingen umziehen. Von dort wurde die Familie nach Riga deportiert. Über Viktors genaues weiteres Schicksal ist nichts bekannt; sein Todesdatum wurde später auf den 30. April 1942 festgelegt.(14)

Alice Esslinger geb. Stern – Verfolgung und Deportation einer Horber Jüdin

Alice Stern wurde am 10. April 1905 in Horb geboren. Sie stammte aus der angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie Stern. Ihr Vater war der Textilhändler Siegfried Stern, ihre Mutter war Mina Leiter aus Buttenwiesen. Ihr Großvater Lippmann Stern hatte bereits 1870 in Horb ein Textilgeschäft eröffnet. Später entstand daraus die Firma „Manufakturengeschäft und mechanische Kleiderfabrik L. Stern“.(15)

Alices Vater Siegfried Stern war ein angesehener Bürger, Geschworener am Amtsgericht und kandidierte 1928 für die Deutsche Demokratische Partei für den Gemeinderat. Dadurch wird deutlich, dass die Familie Stern nicht am Rand der Stadtgesellschaft stand, sondern aktiv am öffentlichen Leben teilnahm.(16)

Als Alice 18 Jahre alt war, starb ihre Mutter Mina. Danach übernahm Alice vermutlich die Aufgaben im Haushalt ihres verwitweten Vaters. Außerdem arbeitete sie als Kontoristin im väterlichen Textilgeschäft in der Neckarstraße 39.(17)

1935 heiratete Alice den Kaufmann Viktor Esslinger. Mit ihm zog sie in das Haus der Familie Esslinger in der Schulstraße 7. Dort lebte sie über dem Ladengeschäft. 1936 wurde ihr Sohn Helmut geboren. Das Haus wurde damit auch für Alice zum Familien- und Wohnort. 

Durch die nationalsozialistische Verfolgung verlor Alice schrittweise ihre Sicherheit, ihr Zuhause und schließlich ihr Leben. Nach dem Zwangsverkauf des Hauses zog sie mit Viktor und Helmut zu ihrem Vater Siegfried Stern in die Neckarstraße 39. Am 10. Juli 1941 musste die Familie nach Rexingen zwangsumziehen. Später wurde Alice mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Riga deportiert. Wahrscheinlich wurde sie am 26. März 1942 bei einer Massenerschießung im Wald von Bikernieki bei Riga ermordet.(18)

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie des Wäsche- und Kurzwarengeschäfts der Familie Esslinger in Horb. Ein Mann steht auf den Eingangsstufen des Geschäfts. In den Schaufenstern sind Kleidungsstücke und Werbeschilder ausgestellt.
Siegfried Stern, der Vater von Alice Esslinger, vor seinem Textilgeschäft in der Neckarstraße 39 in Horb.

Helmut Esslinger– Ein Kind als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung

Helmut Esslinger wurde am 4. November 1936 in Horb geboren. Er war das einzige Kind von Viktor und Alice Esslinger. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er im Haus der Familie in der heutigen Gutermannstraße 7. Dort lebte er mit seinen Eltern über dem Wäsche- und Kurzwarengeschäft.(19)

Über Helmuts kurzes Leben ist nur wenig bekannt. Er war noch ein kleines Kind, als die Verfolgung seine Familie traf. Als sein Vater nach der Reichspogromnacht 1938 verhaftet und nach Dachau gebracht wurde, war Helmut erst zwei Jahre alt.(20)

1940 verlor die Familie ihr Haus. 1941 musste Helmut mit seinen Eltern zuerst in die Neckarstraße 39 zu seinem Großvater Siegfried Stern ziehen. Am 10. Juli 1941 wurde er mit seinen Eltern und seinem Großvater nach Rexingen zwangsumgesiedelt. 

Wenige Monate später wurde Helmut mit seinen Eltern nach Riga deportiert. Er war zu diesem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt. Wahrscheinlich wurde er am 26. März 1942 zusammen mit seiner Mutter Alice und vielen anderen jüdischen Frauen und Kindern im Wald von Bikernieki erschossen. An diesem Tag wurden vor allem Kinder unter 16 Jahren mit ihren Müttern sowie ältere Erwachsene ermordet.(21)

Helmut Esslinger steht für die Perspektive eines Kindes. Seine Geschichte zeigt, dass die nationalsozialistische Verfolgung nicht nur Erwachsene traf, sondern auch Kinder, denen jede Zukunft genommen wurde. Heute erinnert sein Stolperstein vor dem Haus Gutermannstraße 7 daran, dass hier ein Kind lebte, dessen Leben schon mit fünf Jahren gewaltsam beendet wurde.

Drei übereinander angeordnete Stolpersteine zum Gedenken an Viktor, Helmut und Alice Esslinger. Die Inschriften erinnern an ihre Geburtsjahre, ihre Deportation nach Riga 1941 und ihre Ermordung durch die Nationalsozialisten.
Stolpersteine der Familie Esslinger

Das Haus der Familie Esslinger zeigt, wie jüdische Menschen ihr Geschäft, ihr Zuhause und schließlich ihr Leben verloren. In der Hirschgasse begegnen wir Maria Leins. Ihre Geschichte führt zurück zum Thema von Klara Kölbel: zur Verfolgung wegen einer persönlichen Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter.

Quellenverzeichnis

(1) Vgl. Viktor und Alice Esslinger geb. Stern und Helmut Esslinger – 1941 nach Riga deportiert, S. 1.

(2) Vgl. Staudacher, Barbara (2011): Stolpersteinverlegung für Viktor, Alice und Helmut Esslinger am 26. November 2011 in Horb, Gutermannstr. 7., Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen., S.2.

(3) Vgl. Staudacher (2011), S.3.

(4) Vgl. Staudacher (2011), S.3.

(5) Vgl. Staudacher (2011), S.3-4.

(6) Vgl. Staudacher (2011), S.2.

(7) Vgl. Staudacher (2011), S.3.

(8) Vgl. Viktor und Alice Esslinger, S.1f; Staudacher (2011), S.3.

(9) Vgl. Viktor und Alice Esslinger, S.2.

(10) Vgl. Staudacher (2011), S.2.

(11) Vgl. Staudacher (2011), S.2.

(12) Vgl. Staudacher (2011), S.2 f.

(13) Vgl. Staudacher (2011), S.3.

(14) Vgl. Staudacher (2011), S.3f.

(15) Vgl. Viktor und Alice Esslinger, S.1f.

(16) Vgl. Staudacher (2011), S. 2.

(17) Vgl. Staudacher (2011), S. 2.

(18) Vgl. Viktor und Alice Esslinger, S.3; Staudacher (2011), S. 3f.

(19) Vgl. Staudacher (2011), S. 3.

(20) Vgl. Staudacher (2011), S. 2f.

(21) Vgl. Staudacher (2011), S. 3f.

Staudacher, Barbara (2011): Stolpersteinverlegung für Viktor, Alice und Helmut Esslinger am 26. November 2011 in Horb, Gutermannstr. 7., Horb: Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen. 

Viktor und Alice Esslinger geb. Stern und Helmut Esslinger – 1941 nach Riga deportiert. [o. A.], [o. O.], [o. J.], S. 1–2.