Buchtipp Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943

Marianne Brentzel, Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943. 2. Auflage 1993, Zürich-Dortmund, Edition Ebersbach im eFeF-Verlag, 253 Seiten.

Buchvorstellung

Eine Biografie über das Leben und Werk der erfolgreichen Kinderbuchautorin Else Ury, ihre Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus sowie die Wiederentdeckung ihrer Lebensgeschichte.

Buchtipp aus unserer Isenberg-Bibliothek: Nesthäkchen kommt ins KZ von Marianne Brentzel

Der Gedanke, sich mit der Lebensgeschichte der Berliner Kinderbuchautorin, Else Ury, zu beschäftigen, kam Marianne Brentzel während einer Autofahrt. Sie hörte eine Radiosendung, in der damals an Urys Todestag, den 12. Januar 1943 erinnert wurde.

Else Ury war die bekannteste Kinderbuchautorin der 1920er Jahre und schrieb über 39 Bücher, darunter auch die berühmte „Nesthäkchen“- Reihe, die von Millionen von jungen Mädchen gelesen wurde. Auch die Verfilmung dieser Bände durch das ZDF in den 1980er Jahren führte dazu, dass der Name Else Ury für viele bis heute noch ein Begriff ist.

Else Ury als erfolgreiche Schriftstellerin

Ury kam am 1. November 1877 in Berlin als Tochter eines Tabakfabrikanten zur Welt. Die Familie gehörte zur wohlhabenden, kaisertreuen und bildungsbürgerlichen Oberschicht.

Sie besuchte die Königliche Luisenschule, ein privates und schulgeldpflichtiges Lyzeum, bis zur 10. Klasse; danach war es Frauen nicht mehr gestattet, am Unterricht teilzunehmen. Für „Töchter aus gutem Hause“ wie Else Ury hätte es noch die Möglichkeit gegeben, sich auf einem Lehrerinnenseminar fortzubilden, für die sie sich aber nicht entschied. Sie blieb im Hause ihrer Eltern, „lernte den Haushalt“, so wie es damals üblich war, ging mit ihrer Mutter ins Theater, zu Konzerten und Bällen, und wurde „in die Gesellschaft eingeführt“ - wie Brentzel beschreibt - um schließlich irgendwann verheiratet zu werden.

Um 1900 begann sie mit dem Schreiben. Sie verfasste unter einem Pseudonym kleine Geschichten für eine Zeitung. Ihr erstes Buch, „Was das Sonntagskind erlauscht“, erschien 1905. Weitere sehr erfolgreiche Veröffentlichungen folgten, so die schon erwähnten Nesthäkchen-Geschichten, in der das Leben der blonden Arzttochter Annemarie Braun erzählt wird, oder auch die „Professors Zwillinge“ - Kinderbuchreihe.

Durch ihren Erfolg als Schriftstellerin wurde sie während der Weimarer Republik zu einer geachteten und beliebten Person des öffentlichen Lebens und konnte sich ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen.

Schritt für Schritt ausgegrenzt, entrechtet und schließlich deportiert und ermordet

Wie Brentzel bemerkt, lässt der Inhalt von keinem ihrer Bücher allerdings erahnen, dass Else Ury aus einer jüdischen Familie stammte, da sie in ihnen nie ihre jüdische Herkunft thematisierte. Bei ihren Protagonistinnen handelte es sich immer um Kinder, die in christlich-protestantischen Familien lebten. Ury sei stets auch eine Verfechterin der Vorstellung von der glücklichen Ehe und Familie gewesen und propagierte daher das damals vorherrschende Rollenbild der verheirateten Frau, obwohl sie selbst nie heiratete. Ihre Bücher bezeichnet Brentzel als „rührselig, kitschig und brav“.

Else Urys letztes Buch, „Jugend voraus“ erschien 1933. Zwei Jahre später wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Im selben Jahr wurden die Nürnberger Rassegesetze erlassen, die zur systematischen Diskriminierung und Verfolgung von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern im Deutschen Reich führten. 1937 wurden ihre Bücher aus Bibliotheken und Schulbüchereien verbannt. Später beschlagnahmten die Nationalsozialisten ihr Vermögen und ihren Besitz. Im Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft in einer der Gaskammern ermordet.

Marianne Brentzel rekonstruiert Else Urys Lebensgeschichte

Lange Zeit blieb das Schicksal von Else Ury unerforscht und ihre Geschichten wurden von der Literaturkritik ignoriert. Ihr Name war bis zum Erscheinen von Brentzels Buch im Jahre 1992 „fast gänzlich vergessen“. Mit Hilfe von persönlichen Briefen, Dokumenten sowie fiktiven Interviews und erdachten Szenen aus dem Leben der einst gefeierten Jugendbuchautorin, gelingt es Brentzel, sich behutsam an das Leben von Else Ury anzunähern und deren Lebensgeschichte zu rekonstruieren.

Nach einem Vorwort und einem Kapitel zur Entstehungsgeschichte des Buches bettet Brentzel Else Urys Biografie in die drei entscheidenden Epochen der deutschen Geschichte des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts ein: Urys Jahre der Kindheit und Jugend im Kaiserreich, ihre Zeit als erfolgreiche Schriftstellerin in der Weimarer Republik und die Jahre der Erniedrigung und Ausgrenzung im nationalsozialistischen Deutschland. Den Abschluss ihrer Biografie bildet eine Zeittafel zum Leben der Schriftstellerin, ein Anhang mit persönlichen Briefen und anderen Dokumenten, eine von Barbara Asper erstellte Bibliografie ihrer Bücher, sowie eine Liste mit der von Brentzel verwendeten Literatur.

Im Jahre 2007 veröffentlichte Marianne Brentzel eine neue Version ihrer Biografie mit weiteren Informationen und Forschungsergebnissen. Dennoch lohnt es sich für alle Interessierten auch die erste, hier besprochene Ausgabe zu lesen, um einen Einblick in das bewegte Leben der Else Ury und ihr Werk zu bekommen.

Das Buch kann in der Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek ausgeliehen werden.

(Autorin Beatrice Zucker)

Arnold und Friederike Isenberg Bibliothek in der Ehemaligen Synagoge Rexingen

Bildquellen: Bild 1: Buchcover; Bild 2: Miezian (2008): Else Ury.jpg. Wikimedia Commons, gemeinfrei. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Else_Ury.jpg; Bild 3: OTFW (04.11.2012): Stolperstein für Else Ury, Berlin-Moabit. Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stolperstein_Solinger_Str_10_%28Moabi%29_Else_Ury.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/ ; Bild 4: Klaaschwotzer (07.03.2021): Else-Ury-Weg (Hannover) (11), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Else-Ury-Weg_%28Hannover%29_%2811%29.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/